Bunte Glücksmomente für das Kind in dir

von | Okt 7, 2017

Es ist Herbst, die Blätter in herrlichsten Farben fallen von den Bäumen und es riecht nach Regen und Moos. Fast jeden Tag bin ich mit meinen Kids unterwegs, wir sammeln Kastanien, bis die Taschen überquellen, stapfen durch Pfützen, lassen unseren Drachen steigen und manchmal hält meine Tochter mit ihrem Laufrad an, um ein heruntergefallenes Blatt aufzuheben und es daheim mit einem Strahlen in den Augen dem Papa zu übergeben. Wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, staune ich zusammen mit ihnen über die kleinsten Dinge und wir freuen uns über jeden Schatz, den wir finden. Der Herbst steckt da echt voller Möglichkeiten.

Wie ist das bei dir? Denkst du auch an solche Schatzsuch- und Strahlemomente zurück? Ich hoffe und wünsche es dir sehr. Und gleichzeitig weiß ich, dass viele Frauen, die heute unter einer Essstörung leiden, auf viele solcher Glücksmomente verzichten mussten. Da hieß es, schnell erwachsen zu werden, um zu lernen, was die Großen so für wichtig hielten. Solche Innehaltmomente waren Kinderkram, für die keine Zeit blieb. Leider, leider, leider. Denn ich bin überzeugt davon, dass Kinder an dieser Stelle mehr vom Leben verstanden haben als wir Großen. Und ich weiß, dass Kinder diese Zeit zum Staunen brauchen, um zu glücklichen Menschen heran zu wachsen.

Was ist also mit den vielen Stunden des glückseligen Beobachtens und Entdeckens, die du verpasst hast? Dieser Frage will ich mich in meinem heutigen Text widmen.

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Die gute Botschaft vorneweg: Egal, wie deine ersten Lebensjahre waren und wie sehr du funktionieren musstest – es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit! Wirklich nie!

Natürlich hat sich über die vielen Kindheitsjahre so einiges an offen gebliebenen Wünschen angesammelt – all das, was du gerne gemacht hättest, aber nicht erleben konntest, weil die Zeit dafür fehlte. Oder weil den Erwachsenen nicht klar war, wie wichtig es ist, durchs Laub zu rascheln, durch den Regen zu laufen, mit Matsch zu kneten und Mistkäfer zu sammeln. Ich denke, du könntest die Liste noch weiter fortführen.

Nein, das ist wirklich kein sinnloser Kinderkram! Das sind die Momente, in denen Kinder richtig viel über das Leben lernen. In denen sie erkennen, wie bunt unsere Welt eigentlich ist. Dass Sonnenschein genauso zum Leben dazu gehört wie Regen oder stürmische Zeiten. Warum in den kleinsten und unscheinbarsten Dingen die größten Schätze zu finden sind. Dass selbst die schönste Zeit irgendwann einmal zu Ende geht und es dann für eine Weile kalt und dunkel wird – solange, bis sich wieder eine Hoch-Zeit einstellt. Und dass man nasse Füße bekommt, wenn man beim Durch-die-Pfützen-springen nicht die richtigen Schuhe anhat. 🙂 All das sind doch herrliche Lernerfahrungen, die einen unheimlich weiter bringen.

Viel weiter als perfekt in Integralrechnung zu sein, „Die Glocke“ von Schiller fehlerfrei aufsagen zu können, das Periodensystem der Elemente auswendig zu kennen und Woche für Woche mit Widerwillen zum Klavierunterricht zu gehen. Um wie vieles besser hättest du diese Stunden nutzen können, wenn man dich gelassen hätte!

Was du heute tun kannst

Und nun bist du erwachsen… Die schlechte Nachricht ist: Du hast vermutlich noch einiges aus Kindheitstagen nachzuholen. Die gute: Heute bestimmst du darüber, mit was du deine Zeit verbringst.

Heute kannst du entscheiden, ob du dich zusammen mit deinen Kindern durch die Integralrechnung quälst, sie zum 20.-sten Mal „Die Glocke“ von Schiller aufsagen lässt, ihnen an das Periodensystem der Elemente näher bringst und sie Woche für Woche zum Klavierunterricht fährst. Ob du an dich gestellte Aufgaben zu 200% erfüllst, weiterhin von A nach B und noch weiter nach C hetzt und bis zum Umfallen funktionierst. Oder ob du dir Zeit nimmst, um die leisen Wunder dieser Welt zu entdecken.

Ich kann dir nur empfehlen, zu überlegen, was in deinem Alltag wirklich wichtig ist. Vielleicht lässt sich so manches delegieren. Vielleicht sagst du auch bei einigen Dingen, dass du sie ganz aus deinem Wochenplan heraus streichst. Oder dass du dir mehr Zeit bei der Erledigung von Aufgaben lässt. Denn dadurch schaffst du dir Freiräume für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Und dann wird das kleine Mädchen in dir, das noch so viel Nachholbedarf hat, zum Leben erwachen. Es schlummert immer noch in dir drin – ganz traurig darüber, dass es damals nicht unendlich viele bunte Blätter sammeln durfte, um sie voller Stolz nach Hause zu tragen, und dass sie sich nicht Hände und Hosen schmutzig machen durfte. Wie sehr freut es sich darauf, all das jetzt endlich erleben zu können.

Weißt du was? Mach doch zusammen mit ihm einen Ausflug, bei dem ihr durchs Laub raschelt, den Duft des Herbstes tief einatmet, Mistkäfer beobachtet, einen Drachen steigen lasst oder Eicheln und Kastanien sammelt, mit denen ihr zu Hause bastelt. Nimm dein kleines Mädchen mit in die farbenfrohe Jahreszeit hinein und genieß zusammen mit ihm, Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu haben.

Und dann könnt ihr zusammen entdecken, wie bunt unsere Welt eigentlich ist. Dass Sonnenschein genauso zum Leben dazu gehört wie Regen oder stürmische Zeiten. Warum in den kleinsten und unscheinbarsten Dingen die größten Schätze zu finden sind. Dass selbst die schönste Zeit irgendwann einmal zu Ende geht und es dann für eine Weile kalt und dunkel wird – solange, bis sich wieder eine Hoch-Zeit einstellt. Und wie glücklich dieses scheinbare Nichtstun machen kann.

Ich wünsche euch viel Spaß dabei.

© Dorothea

P.S.: Du kannst meine Artikel gerne teilen. Wenn du den Text nutzen möchtest, dann kopiere ihn bitte komplett und verlinke darunter meine Homepage https://wege-aus-der-essstoerung.de als Quellenangabe. Danke für diese Win-win-Situation.

Eure Stimmen

Danke für eure liebevollen Rückmeldungen!

Ich wollte einfach mal kurz DANKE für deine tolle Seite sagen!! Deine Beiträge unterstützen mich sehr beim Weg aus meiner Essstörung. Aus meiner Sicht sind es viele Puzzleteile, welche sich zusammen setzen müssen, bis ich meinen Weg gefunden habe. Dein Blog ist auf jeden Fall ein Puzzleteilchen davon. 🙂 Mach weiter so und ich freue mich auf deine Beiträge!

Sandra

„Vor einigen Tagen habe ich „per Zufall“ (ob es den überhaupt gibt? 🙂 ) deine Internetseite entdeckt.

Ich habe selbst auch eine Essstörung (Magersucht) und deine Texte haben mir unglaublich geholfen und mich sehr viel weiter gebracht. Ich habe in den letzten Tagen sehr vieles über mich und meine Essstörung verstanden und gelernt.

Etwas sehr Entscheidendes ist auch passiert, nämlich sehe ich die Essstörung nun nicht mehr als „ein böses Monster“, sondern ich sehe und bin dankbar dafür, wie viel ich von ihr (über mich) lernen kann/ darf. Auch schäme ich mich nicht mehr dafür, eine Essstörung zu haben und bin viel gelassener und entspannter.

Ich habe mich in ganz vielen Themen von deinen Artikeln wieder gefunden und fühl(t)e mich dadurch sehr verstanden. Ich bin bereits seit ein paar Wochen in Therapie und gehe Schritt für Schritt meinen Weg. Du hast mich aber gleich einen ganz großen Schritt weiter gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin!“

Florence