Von ungesunden zu gesunden Beziehungen

von | Feb 7, 2019

Eigentlich sollte diesmal alles anders werden. Mit guten Vorsätzen war Corinna zum Wochenendbesuch zu ihren Eltern gefahren. Sie hatte sich vorher ganz genau überlegt, was sie diesmal anders machen wollte. Diesmal wollte sie es sich nicht bieten lassen, dass ihre Mutter immer wieder ihre Grenzen überschreitet und sich mit ihrem Kontrollwahn in Corinnas Leben einmischt. Und diesmal wollte sie es nicht zulassen, dass ihr Vater mit seiner unsensiblen und resoluten Art immer seine Interessen durchdrückt.

Doch es dauert nur einen Nachmittag und Corinna befindet sich in einem Zustand tiefster Hilflosigkeit. In den letzten zwei Stunden hat ihre Mutter gefühlt 30 Mal ihre Grenzen übertreten und sie wohl in keinem Moment ernst genommen. Ihr Vater hat sie bloß angeraunzt, er wolle seine Ruhe haben und hat sich vor den Fernseher verzogen. Mehr nicht.

Sicher kennst du solche Geschichten aus deiner eigenen Herkunftsfamilie, wenn auch vielleicht in abgewandelter Form.

Doch egal in welcher Form solche Geschichten auftauchen – dahinter steckt oftmals das gleiche Thema: Die Familienmitglieder leben in ungesunden Beziehungen miteinander.

Deshalb möchte ich heute einmal über ungesunde und gesunde Beziehungen schreiben. Und darüber, wie sich Letzteres immer mehr erreichen lässt.

Wenn ungesunde Beziehungen...

Im Zusammenhang der Beziehungen mag ich das Bild der Ver- beziehungsweise Entstrickungen sehr.

Führen zwei Menschen eine ungesunde Beziehung miteinander, dann ist das so, als ob zwei Wollfäden miteinander verworren und verstrickt sind. Ein einziges Durcheinander. Die beiden können nicht miteinander, weil es sich so unangenehm anfühlt. Sie können aber auch nicht ohne einander, weil sie ja miteinander so verstrickt sind. Das Ich und das Du sind nicht erkennbar, denn es gibt nur ein verworrenes Wir. Eine ziemlich blöde Situation für beide Seiten.

Diese Beziehungen weisen bestimmte Merkmale auf:

  • Manipulationen
  • Bewertungen
  • Vergleiche
  • Kontrollversuche
  • Grenzüberschreitungen
  • Erpressungen
  • Druckaufbau
  • emotionaler Missbrauch
  • Täter-Opfer-Spielchen

Jede Beziehung hat da so ihre eigenen Merkmale. Fakt ist, dass sich keiner der Beteiligten wohl fühlt, aber es letztendlich auch kein Entrinnen aus diesen unguten Mustern gibt. Zumindest auf den ersten Blick. 😉

...zu gesunden Beziehungen werden

Je gesünder eine Beziehung ist, desto schwächer sind die unguten Muster und desto mehr Klarheit und gleichzeitig mehr Sanftheit ist bei jedem einzelnen da. Es ist, als ob jeder seinen Faden zu sich zurück nimmt und das Wirrwarr immer kleiner wird. Haben sich zwei Menschen vollständig voneinander entstrickt, so sind sie wie zwei runde Wollknäuel, die einander in Freiheit begegnen. Das heißt, sie können wie bei einem schönen Tanz mal näher zueinander rollen und mal weiter voneinander weg – so wie es ihnen in ihrem Miteinander gerade gut tut und was jeder einzelne in diesem Moment braucht.

In einer gesunden Beziehung ist das Miteinander ein komplett anderes als in einer ungesunden:

Beide Beteiligten sind in der Lage, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu formulieren und genauso die Wünsche des anderen zu hören. Gemeinsam finden sie dann eine Lösung, um alle Bedürfnisse bestmöglich unter einen Hut zu bekommen.

Dann kommen die Grenzen wieder. Während in diesem Wirrwarr einer ungesunden Beziehung gar nicht so recht klar ist, wo das Ich endet und das Du anfängt, ist das in einer gesunden Beziehung auf einmal klar. Jeder ist in der Lage, eigene Grenzen zu setzen und diese werden vom anderen gehört und ernst genommen.

Außerdem steigt die Flexibilität. Stecken zwei Menschen noch in ihren unguten Beziehungsmustern, so rutschen sie immer wieder in diese hinein und der Handlungsspielraum geht oftmals gegen Null. In gesunden Beziehungen dagegen besteht ein hohes Maß an Flexibilität. Ist dem einen ein Bedürfnis sehr wichtig, so nimmt sich der andere mit seinem Wunsch etwas mehr zurück. Beim nächsten oder übernächsten Mal ist es andersrum. Und beide fühlen sich wohl damit.

Doch was kannst du nun tun, damit deine Beziehungen immer gesünder werden? So, wie es sich Corinna vorgenommen hatte, scheint es ja nicht zu funktionieren…

Wie so oft beginnt alles in dir. Wenn du in einer Familie mit ungesunden Beziehungsmustern aufgewachsen bist, dann trägst du diese Muster, die dir nicht gut tun, in dir. Es gilt also, in dir – und nur in dir – etwas zu verändern und zu schauen, dass du deine Bedürfnisse und deine Grenzen immer besser wahrnimmst. Dabei ist es nicht mal notwendig, dass du bei deiner Familie bist, denn es geht jetzt wirklich erstmal nur um dich und darum, dass du die kranken Beziehungsanteile, die du in deiner Familie gelernt hast, heilst.

Dafür ist es sinnvoll, wenn du mit Menschen zu tun hast, die selber in der Lage sind, gesunde Beziehungen zu leben. Du erkennst diese Menschen daran, dass sie auf solche Strategien wie Manipulation, Bewertung, Kontrollversuche oder andere Arten des Druckmachens verzichten. Ein sehr sicheres Zeichen ist, wenn du dich in ihrer Gegenwart wohl und von ihnen gesehen, verstanden und angenommen fühlst. Schau dir ab, was diese Menschen an sich haben und wie sie ihre Beziehungen leben. Und du kannst dir sicher sein, dass der Funke mit der Zeit immer mehr auf dich überspringen wird. Denn es fetzt so sehr, in gesunden Beziehungen zu leben, dass auch du dich immer mehr dahingehend verändern wirst.

Und je mehr sich in dir etwas in Hinblick auf deine Beziehungsmuster verändert, desto mehr wirst du das auch in deinen zwischenmenschlichen Beziehungen spüren. Es ist, als ob du deinen Wollfaden immer mehr zu dir zurück nimmst, um ihn zu einer schönen, runden Wollkugel zu formen. Und das bedeutet, dass sich das Beziehungswirrwarr immer mehr entfitzt und auch dein Gegenüber immer deutlicher sieht, was Seins und was Deins ist. Dadurch wird eure Beziehung automatisch immer zufriedenstellender für beide Seiten.

Und eine Sache noch zum Schluss: Es ist tatsächlich möglich, mit der eigenen Mutter und dem eigenen Vater eine gesunde Beziehung zu führen. Es bedeutet halt nur ein ganzes Stück innere Arbeit. Wenn das keine schöne Botschaft ist! 🙂

Sei lieb gegrüßt.

© Dorothea

P.S.: Du kannst meine Artikel gerne teilen. Wenn du den Text nutzen möchtest, dann kopiere ihn bitte komplett und verlinke darunter meine Homepage https://wege-aus-der-essstoerung.de als Quellenangabe. Danke für diese Win-win-Situation.

Eure Stimmen

Danke für eure liebevollen Rückmeldungen!

Ich wollte einfach mal kurz DANKE für deine tolle Seite sagen!! Deine Beiträge unterstützen mich sehr beim Weg aus meiner Essstörung. Aus meiner Sicht sind es viele Puzzleteile, welche sich zusammen setzen müssen, bis ich meinen Weg gefunden habe. Dein Blog ist auf jeden Fall ein Puzzleteilchen davon. 🙂 Mach weiter so und ich freue mich auf deine Beiträge!

Sandra

„Vor einigen Tagen habe ich „per Zufall“ (ob es den überhaupt gibt? 🙂 ) deine Internetseite entdeckt.

Ich habe selbst auch eine Essstörung (Magersucht) und deine Texte haben mir unglaublich geholfen und mich sehr viel weiter gebracht. Ich habe in den letzten Tagen sehr vieles über mich und meine Essstörung verstanden und gelernt.

Etwas sehr Entscheidendes ist auch passiert, nämlich sehe ich die Essstörung nun nicht mehr als „ein böses Monster“, sondern ich sehe und bin dankbar dafür, wie viel ich von ihr (über mich) lernen kann/ darf. Auch schäme ich mich nicht mehr dafür, eine Essstörung zu haben und bin viel gelassener und entspannter.

Ich habe mich in ganz vielen Themen von deinen Artikeln wieder gefunden und fühl(t)e mich dadurch sehr verstanden. Ich bin bereits seit ein paar Wochen in Therapie und gehe Schritt für Schritt meinen Weg. Du hast mich aber gleich einen ganz großen Schritt weiter gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin!“

Florence