Oh, wie schön sind Berührungen

von | Jun 16, 2018

Gestern war ich bei einem wunderbaren Workshop in einem Zentrum für Berührungskunst. In einer kleinen Gruppe sammelten wir unsere Erfahrungen zum Thema „Berührungen im Alltag“. Und ob wir zufrieden mit den Berührungen sind, die wir tagtäglich so erleben.

Das Fazit: Es gibt an dieser Stelle noch so viel Entwicklungspotential, (fast) alle wünschten sich mehr Berührung und auch, dass es selbstverständlicher wird, mit dem Partner, den Kindern, Freunden und anderen lieben Menschen Nähe auszutauschen.

Denn es ist einfach wunderschön, den Liebsten fest in den Arm zu schließen, sich an die Schulter einer Freundin anlehnen zu können, über den Rücken gestreichelt zu bekommen oder für jemanden da zu sein, der gerade Nähe braucht. Es fühlt sich einfach gut an und ist unglaublich nährend.

Wie geht es dir mit diesem Thema? Bist du zufrieden mit den Berührungen, die du in deinem Alltag erlebst? Oder geht es dir auch so, dass du dir mehr wünschst?

Auch wenn ich eine ziemliche Übereinstimmung wahrnehme, dass mehr Berührung schön wäre – warum gibt es dann nicht mehr? Und was kann jede von uns tun, um daran etwas zu ändern? Darum wird es heute gehen.

Berührung als eine der elementarsten Erfahrungen

Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann will es vor allem eins: Ganz viel mit Mama oder einer anderen vertrauten Person kuscheln. Am liebsten würde es so viel wie möglich getragen werden. Sich während des Stillens nah an Mamas Körper schmusen. Und auch nachts im elterlichen Bett schlafen. Denn für die Babys ist die Haut das wichtigste Sinnesorgan und es nimmt in allererster Linie über die Haut Kontakt zur Außenwelt auf.

Nun war es in den letzten Generationen nicht üblich, dass Babys im Tragetuch getragen wurden, nach Bedarf stillen durften und im elterlichen Bett in den Schlaf gehuschelt wurden. Ich will es nochmal schreiben: Die Kleinsten spüren über die Haut, ob jemand da ist oder nicht. Und da den Babys der letzten Jahrzehnte all diese Kuschelmomente fehlen, fehlen ihnen tausende Stunden elementarster Erfahrungen, die wichtig gewesen wären, um zu gut genährten Erwachsenen heran zu wachsen.

Diese Erfahrungen der Distanz waren für die kleinen Menschenwesen so schmerzhaft, dass sie das Thema „Nähe und Körperkontakt“ sehr abgespalten haben. Es tut einfach zu weh, dieses riesige Kuscheldefizit zu spüren.

Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Grund, warum Berührung in unserer Gesellschaft eine so kleine Rolle spielt. Das Thema ist über ganze Generationen hinweg abgespalten.

Raus aus der Opferrolle – rein ins Kuscheln

Nun könnten wir natürlich in der Opferrolle stecken bleiben und immer wieder darüber lamentieren, dass unsere Eltern uns nicht das an Nähe und Zuwendung gegeben haben, was wir gebraucht hätten. Ich möchte es nicht runterspielen. Nein, diese vielen Kuschelmomente wären existenziell wichtig gewesen und würden vieles leichter machen! Auf jeden Fall! Und der dazugehörige Schmerz will da sein und braucht auch seinen Raum, um da sein zu dürfen.

Und gleichzeitig möchte ich dich und jeden von uns ermutigen, selbst Verantwortung zu übernehmen und bewusst Momente der körperlichen Nähe mit anderen Menschen zu suchen.

Hast du schon einmal ganz bewusst hingespürt, wie schön es sich anfühlt, von einem Freund in den Arm genommen zu werden? Oder hast du schon einmal eine Freundin gebeten, dich an sie anlehnen zu dürfen, als du traurig warst? Und wie wäre es, dem Liebsten eine Massage zu schenken – einfach so, weil du ihn magst?

Genauso schön kann es sein, die Hand der Oma zu halten, während sie von früher erzählt, und sie zu streicheln. Oder einen Freund an der Schulter zu berühren und ihm zu sagen, wie schön es ist, dass es ihn gibt. Und lasst uns bitte den Kindern ganz, ganz viele Körperkontaktzeiten schenken, damit nicht die nächste Generation bedürftiger Menschenwesen heran wächst.

Es gibt so viele Möglichkeiten, Menschen ganz nah zu spüren. Lasst uns anfangen, Momente der körperlichen Nähe in unseren Alltag zu integrieren. Denn es ist unbeschreiblich nährend, nicht nur im übertragenen Sinne zu berühren und berührt zu werden, sondern auch im körperlichen.

Ich wünsche dir viele Momente, die auf und unter die Haut gehen und drücke dich fest.

© Dorothea

P.S.: Du kannst meine Artikel gerne teilen. Wenn du den Text nutzen möchtest, dann kopiere ihn bitte komplett und verlinke darunter meine Homepage https://wege-aus-der-essstoerung.de als Quellenangabe. Danke für diese Win-win-Situation.

Eure Stimmen

Danke für eure liebevollen Rückmeldungen!

Ich wollte einfach mal kurz DANKE für deine tolle Seite sagen!! Deine Beiträge unterstützen mich sehr beim Weg aus meiner Essstörung. Aus meiner Sicht sind es viele Puzzleteile, welche sich zusammen setzen müssen, bis ich meinen Weg gefunden habe. Dein Blog ist auf jeden Fall ein Puzzleteilchen davon. 🙂 Mach weiter so und ich freue mich auf deine Beiträge!

Sandra

„Vor einigen Tagen habe ich „per Zufall“ (ob es den überhaupt gibt? 🙂 ) deine Internetseite entdeckt.

Ich habe selbst auch eine Essstörung (Magersucht) und deine Texte haben mir unglaublich geholfen und mich sehr viel weiter gebracht. Ich habe in den letzten Tagen sehr vieles über mich und meine Essstörung verstanden und gelernt.

Etwas sehr Entscheidendes ist auch passiert, nämlich sehe ich die Essstörung nun nicht mehr als „ein böses Monster“, sondern ich sehe und bin dankbar dafür, wie viel ich von ihr (über mich) lernen kann/ darf. Auch schäme ich mich nicht mehr dafür, eine Essstörung zu haben und bin viel gelassener und entspannter.

Ich habe mich in ganz vielen Themen von deinen Artikeln wieder gefunden und fühl(t)e mich dadurch sehr verstanden. Ich bin bereits seit ein paar Wochen in Therapie und gehe Schritt für Schritt meinen Weg. Du hast mich aber gleich einen ganz großen Schritt weiter gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin!“

Florence