Wie sieht ein erfülltes Leben aus?

von | Jul 8, 2018

Inmitten einer Essstörung fühlt sich alles irgendwie sehr tot an. Kaum Aussicht auf Besserung. Wenig Hoffnung. Keine richtige Perspektive. Und vermutlich jede Frau, die so richtig, richtig, richtig weit unten ist oder die schon sehr lange mit einer Essstörung zu kämpfen hat, wünscht sich nur eins: Dass es endlich vorbei ist und sich das Glück einstellt.

Doch wie sieht es aus, dieses Glück? Und ist ein auf ewig glückliches Leben überhaupt realistisch?

Genau darum wird es heute gehen: Auf was du dich nach deiner Essstörung freuen kannst und was langfristig gesehen das Ziel sein kann.

Vom Fluss des Waldes und vom Fluss des Lebens

Willst du zuerst die schlechte oder erst die gute Nachricht lesen?

Also gut, die schlechte zuerst: Es wird immer wieder Phasen des Leids geben.

Die gute: Es wird immer besser und immer einfacher. Und ich habe sogar noch eine zweite gute Nachricht: Nach dem Ende der Essstörung wird auf jeden Fall eine Zeit kommen, die sich leicht und schön anfühlt. Zum Auftanken und als Ernte der vielen Arbeit, die du jetzt machst.

Doch es wird irgendwann auch wieder anders werden. Auch die herausfordernden Phasen gehören einfach mal zum Leben dazu.

Es ist ein wenig wie bei einem fließenden Gewässer. Zunächst ist da ein kleines Rinnsal, das sich mühsam seinen Weg von der Quelle hin zum Waldbach bahnt. Hat es den Bach erreicht, wird es schon ein wenig einfacher.

Dieser Waldbach plätschert nun weiter – mal etwas schneller und mal liegen viele Steine im Weg, sodass es langsamer voran geht. Manchmal geht es leise und sanft zu und manchmal turbulenter. Mal scheint alles idyllisch und mal ist das Brausen so unangenehm, dass es in den Ohren weh tut. Die einfacheren und die herausfordernderen Abschnitte wechseln sich ab.

Irgendwann wird dieser Waldbach in einen Fluss münden. Dann wird das Fließen wieder einfacher, da das Flussbett breiter wird und weniger Hindernisse im Weg liegen. Doch auch der Fluss wird Abschnitte passieren, in denen das Vorankommen schwierig ist, in dem es Engstellen gibt und in denen es turbulenter zugeht.

Und dennoch: Unaufhörlich bahnt sich das Wasser seinen Weg in Richtung Meer. Und je näher es diesem kommt, desto breiter wird der Flusslauf und es geht noch einfacher voran. Vielleicht gibt es zum Schluss noch ein Flussdelta, bei dem das Wasser eine letzte Engstelle zu überwinden hat. Doch auch diese Herausforderung wird der Fluss nehmen, um schließlich im großen Ozean anzukommen.

Und so, wie sich das Wasser von der Quelle bis hin Ozean seinen Weg bahnt, ist es auch mit dem Fluss, der einen durch’s Leben trägt: Am Anfang ist es wirklich beschwerlich und es geht nur sehr mühsam voran. Sobald der Übergang zum nächsten Abschnitt geschafft ist, wird es schon einfacher. Puh, Zeit zum Aufatmen. 🙂

Das Leben plätschert weiter und wieder wechseln sich einfache und schwierigere Zeiten ab – solange, bis es erneut auf die nächst höhere Stufe geht. Und so geht es weiter und weiter: Es bleibt lebendig und dabei wird es immer leichter.

Wie lässt sich das nun auf das Leben übertragen?

Ja, wie kannst du es nun schaffen, dass es immer, immer einfacher wird?

Im Grunde genommen geht es darum, dass du immer mehr Anteile von dir annimmst. Das kann zum Beispiel sein, dass du deine Gefühle nicht mehr wegdrückst, sondern sie zulässt und fühlst. Oder indem du dich nicht mehr für einen Fressanfall verurteilst, sondern indem du annimmst, dass die Anfälle momentan noch zu deinem Leben dazu gehören und ihnen gestattest, solange da sein zu dürfen, wie sie da sein wollen. Oder indem du nicht mehr versuchst, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen, sondern indem du anfängst, deinen Körper in dein Herz zu schließen. Du könntest auch anfangen zu akzeptieren, dass es dir momentan einfach mal scheiße geht, anstatt immer gut gelaunt sein zu wollen.

Ich denke, du weißt was ich meine und kannst schauen, was gerade deine Themen sind, die du am meisten bekämpfst. Schau sie dir an und nimm sie liebevoll an anstatt sie abzulehnen.

Und dadurch passiert etwas Wunderbares: Es wird leichter. Denn du brauchst nicht mehr ständig Energie dafür aufbringen, um gegen dich und bestimmte Themen anzukämpfen. Sondern du kannst diese Energie für die schönen Dinge im Leben verwenden. Und je mehr du dich und deine Stressthemen annimmst, desto mehr wird frei von der Energie, die du bisher ins Kämpfen gesteckt hast, und kann zu fließen beginnen. Es ist wirklich wunderschön, da dadurch immer mehr Lebendigkeit entsteht. Denn auf diese Weise gibst du dich immer mehr dem Fluss des Lebens hin.

Es geht also nicht darum, das ewige Glück anzustreben, sondern darum, dich und dein Leben mit all seinen Facetten anzunehmen. Um dich dadurch zunehmend vom Fluss des Lebens ergreifen zu lassen, der dich zu immer mehr Freiheit und immer mehr Lebendigkeit hinträgt.

Dass das passiert, wünsche ich dir sehr. Lass dich lieb drücken.

© Dorothea

P.S.: Du kannst meine Artikel gerne teilen. Wenn du den Text nutzen möchtest, dann kopiere ihn bitte komplett und verlinke darunter meine Homepage https://wege-aus-der-essstoerung.de als Quellenangabe. Danke für diese Win-win-Situation.

Eure Stimmen

Danke für eure liebevollen Rückmeldungen!

Ich wollte einfach mal kurz DANKE für deine tolle Seite sagen!! Deine Beiträge unterstützen mich sehr beim Weg aus meiner Essstörung. Aus meiner Sicht sind es viele Puzzleteile, welche sich zusammen setzen müssen, bis ich meinen Weg gefunden habe. Dein Blog ist auf jeden Fall ein Puzzleteilchen davon. 🙂 Mach weiter so und ich freue mich auf deine Beiträge!

Sandra

„Vor einigen Tagen habe ich „per Zufall“ (ob es den überhaupt gibt? 🙂 ) deine Internetseite entdeckt.

Ich habe selbst auch eine Essstörung (Magersucht) und deine Texte haben mir unglaublich geholfen und mich sehr viel weiter gebracht. Ich habe in den letzten Tagen sehr vieles über mich und meine Essstörung verstanden und gelernt.

Etwas sehr Entscheidendes ist auch passiert, nämlich sehe ich die Essstörung nun nicht mehr als „ein böses Monster“, sondern ich sehe und bin dankbar dafür, wie viel ich von ihr (über mich) lernen kann/ darf. Auch schäme ich mich nicht mehr dafür, eine Essstörung zu haben und bin viel gelassener und entspannter.

Ich habe mich in ganz vielen Themen von deinen Artikeln wieder gefunden und fühl(t)e mich dadurch sehr verstanden. Ich bin bereits seit ein paar Wochen in Therapie und gehe Schritt für Schritt meinen Weg. Du hast mich aber gleich einen ganz großen Schritt weiter gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin!“

Florence