Informationen

Informationen

Informationen zu Essstörungen

Du fragst dich, ob du eine Essstörung hast, was die Ursachen sind und wie du sie bewältigen kannst? Hier findest du allgemeine Informationen zu Essstörungen, sodass du dir einen ersten Überblick verschaffen kannst.

Informationen über Essstörungen

Symptome von Essstörungen

Klassifikation von Essstörungen

Essstörungen beginnen häufig ganz schleichend mit einer Diät, die nach und nach aus dem Ruder läuft. Der Übergang von den Experimentierversuchen mit dem eigenen Essverhalten hin zu einer Essstörung ist also fließend.

Laut den Diagnosewerken ICD-11 (International Classification of Diseases) und DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) werden drei Formen von Essstörungen unterschieden:

  • Magersucht oder Anorexia nervosa
  • Ess-Brech-Sucht oder Bulimia nervosa
  • Esssucht oder Binge Eating

Hier findest du eine Übersicht über typische Anzeichen für diese drei Formen von Essstörungen, wobei nicht alle Symptome auftreten müssen.

Magersucht oder Anorexia nervosa heißt…

  • … sich ständig mit dem Essen auseinander zu setzen
  • … eine lange Liste verbotener Nahrungsmittel zu haben
  • … jegliche Kalorientabellen auswendig zu kennen
  • … immer weiter abnehmen zu wollen
  • … untergewichtig zu sein
  • … mit Abführmitteln und Sport der Gewichtszunahme entgegen zu wirken
  • … die Waage als Stimmungsbarometer zu haben
  • … oft zu frieren
  • … unkonzentriert zu sein
  • … schnell müde und erschöpft zu sein
  • … einen schwachen Puls zu haben
  • … perfekt sein zu wollen
  • … Adrenalin non-stop
  • … die Menstruation bleibt aus

Ess-Brech-Sucht oder Bulimia nervosa heißt…

  • … sich ständig mit dem Essen auseinander zu setzen
  • … kontrolliertes Essverhalten in der Öffentlichkeit
  • … regelmäßige, heimliche Essanfälle mit anschließendem Erbrechen
  • … Kontrollverlust während der Essanfälle
  • … kalorienreiche und leicht essbare Nahrungsmittel hinunter zu schlingen
  • … Abführmittel und abführende Lebensmittel zu sich zu nehmen
  • … eine Liste verbotener Nahrungsmittel für die Mahlzeiten außerhalb der Essanfälle zu haben
  • … die Waage als Stimmungsbarometer zu haben
  • … Schwindelgefühle und Herzrasen
  • … sich vor sich selbst zu ekeln
  • … selbstverletzendes Verhalten

Esssucht oder Binge Eating heißt…

  • … sich ständig mit dem Essen auseinander zu setzen
  • … Essen ohne Hungergefühl
  • … emotionales Essen
  • … häufige Heißhungeranfälle
  • … kein regelmäßiges Essen
  • … unter Übergewicht zu leiden
  • … keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen vorzunehmen
  • … bewegungsarmen Freizeitaktivitäten wie Fernsehen oder Computer nachzugehen
  • … Gefühle runter zu schlucken
  • … Schuld- und Schamgefühle
  • … Hass auf den eigenen Körper zu entwickeln

Wichtig zu wissen!

Es gibt aber noch weitere Formen von Essstörungen, wie zum Beispiel die Orthorexie. Bei dieser Form der Essstörung entwickeln Betroffene ein derart gesundes Essverhalten, dass es belastende Züge annimmt. Auch häufig kreisende Gedanken rund um das eigene Essverhalten und die Figur oder ständig schwankendes Gewicht können Anzeichen für eine Essstörung sein.

Wenn du dich fragst, ob du eine Essstörung hast, ist es weniger wichtig, ob du die Kriterien für eine Essstörung erfüllst. Entscheidend ist in erster Linie, ob du dich mit deinem Essverhalten unwohl fühlst und ob dich das Thema belastet. Wenn es dir mit deinem Essverhalten nicht gut geht, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und du hast in jedem Fall Anspruch auf Hilfe. Egal, ob du in eine Kategorie passt oder nicht.

Ursachen von Essstörungen

Du bist nicht schuld!

Die Ursachen von Essstörungen sind hochkomplex, sodass du an dieser Stelle eine erste Übersicht bekommen sollst.

Was ganz, ganz wichtig ist: Du bist nicht schuld daran, dass du eine Essstörung hast. Es gibt eine ganze Reihe an Faktoren, die dazu geführt haben, dass du eine Magersucht, eine Bulimie, eine Esssucht oder eine andere Form von Essstörungen entwickelt hast. Es geht also nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um ein Verstehen von Zusammenhängen.

Biografische Einflüsse

Frauen, die mit einer Essstörung kämpfen, haben in der Regel als Kind Erfahrungen gemacht, die zu viel für sie waren.

Das kann zum Beispiel Folgendes gewesen sein:

  • Ihre Bezugspersonen haben ihnen als Baby nicht das an Nähe, Wärme und Zuneigung gegeben, was sie gebraucht hätten.
  • Die Erwachsenen haben sie nicht dabei unterstützt, einen gesunden Umgang mit ihren Gefühlen zu entwickeln.
  • Ihre Vorbilder haben ihnen unterschwellig vermittelt, dass sie nicht in Ordnung seien, so wie sie sind.
  • Ein oder beide Elternteile haben sie stark kontrolliert oder manipuliert.
  • Früh mussten sie schon Verantwortung übernehmen und durften nicht so recht Kind sein.
  • Ihre Eltern haben sie in eine Elternrolle gedrängt und sie mussten für sie da sein, weil diese nicht klar gekommen sind mit sich und der Welt.
  • Sie haben emotionalen oder sexuellen Missbrauch erlebt.

Wenn auch du solche oder ähnliche Erfahrungen machen musstest, dann hat das natürlich etwas mit dir gemacht. All die Erlebnisse, die du nicht verarbeiten konntest, weil sie zu viel für deine kleine Kinderseele waren, wurden in deinem Körper gespeichert und rumoren dort kräftig.

Und nun brauchst du deine Essstörung zur Kompensation. Sie hilft dir, nicht allzu viel von dem zu spüren, was du erleben musstest.

Familiäre Einflüsse

Familien, in denen ein Familienmitglied eine Essstörung entwickelt, weisen bestimmte Merkmale auf:

  • Alle kümmern sich scheinbar um alle anderen, niemand kümmert sich um sich.
  • Die Familienmitglieder formulieren ihre Bedürfnisse nicht offen, sondern die Kommunikation läuft verdeckt. („Du willst doch heute Abend bestimmt ins Kino gehen.“ statt „Ich hätte Lust, heute Abend mit dir ins Kino zu gehen. Kommst du mit?“)
  • Sie achten nicht die Grenzen des anderen, sondern überschreiten diese immer wieder.
  • Es gibt keine klare Trennung zwischen dem Ich und dem Du, sondern nur ein verwaschenes Wir.

Wenn du in so eine Familie reingeboren wurdest, dann hast du diese Muster automatisch übernommen. Woher hättest du wissen sollen, dass es auch anders geht?

Und nun brauchst du deine Essstörung, denn über das (Nicht-)Essen gibst du dir die Liebe, die du auf anderem Wege nicht erhalten hast. Du drückst über deine Körpersprache aus, was sich nicht in Worte fassen lässt. Und eine Essstörung ist auch eine Möglichkeit, um Kante zu zeigen (bei Magersucht), sich hinter einer perfekten Fassade zu verstecken und dadurch unnahbar zu sein (bei Bulimie) oder sich eine dicke Haut zuzulegen (bei Binge Eating). Sie ist also eine Möglichkeit, um sich abzugrenzen.

Generationale Einflüsse

All die Erfahrungen, die deine Vorfahren gesammelt haben und die sie nicht verarbeiten konnten, haben sie an dich weiter gegeben. Das kann zum Beispiel dieses Erlebnis sein:

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland kalte Winter und schlimme Hungerjahre. Die Menschen wussten oftmals nicht, ob sie die kommenden Wochen überleben werden und das hat natürlich geprägt.

Als es dann endlich wieder zu essen gab, haben viele Menschen dieser Zeit ein Verhalten entwickelt, das für die Kriegsgeneration sehr typisch ist. „Iss doch, mein Kind!“, „Es ist genug da!“ und „Du brauchst nicht zu hungern!“, sind ganz klassische Sätze. Sie haben ihren Kindern und Enkeln das Essen quasi aufgezwängt, weil ihnen ihre eigene Hungererfahrung noch so tief in den Knochen saß.

Ist es da ein Wunder, dass du dir eine Essstörung zugelegt hast? Du hattest ja gar keine Chance, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

Einflüsse aus dem Umfeld

Wie die Menschen um dich herum leben und in welchen Kontexten du dich befindest, macht natürlich auch etwas mit dir:

  • Studierst du an einer Uni, in der das leistungsorientierte Denken im Vordergrund steht und wo alle erwarten, dass du mit Bestnoten abschließt?
  • Gehst du auf eine Arbeitsstelle, wo höchster Einsatz von dir gefordert wird, ohne dass sich jemand dafür interessiert, wie es dir damit geht?
  • Bist du in einem Sportverein, in dem Gewinnen und Konkurrenzdenken ganz groß geschrieben werden?
  • Engagierst du dich ehrenamtlich an einem Ort, wo es darum geht, immer alle Aufgaben zu verteilen, ohne dass jemand fragt, ob du überhaupt Ressourcen hast?
  • Hast du Leute um dich herum, die Familie, Kinder, Job und Ehrenamt perfekt unter einen Hut bringen?

Wenn du in so einem Umfeld lebst, dann übernimmst natürlich auch du Werte wie Perfektionismus, Leistungs- und Konkurrenzdenken und gehst über deine eigenen Grenzen hinaus. Dir fehlen ja die Vorbilder, die liebevoll und achtsam mit sich selbst und den eigenen Ressourcen umgehen.

Gesellschaftliche Einflüsse

Auch Medien, Stars & Sternchen und die Bilder, die dir tagtäglich vermittelt werden, prägen ungemein.

Du brauchst nur eine Zeitschrift aufschlagen oder auf Werbeplakate schauen und schon lächeln dich überall scheinbar glückliche Menschen mit perfekt retuschierten Körpern an. Das dadurch transportierte Schönheitsideal setzt sich dann in deinem Kopf fest und du wirst denken: „Wenn ich schlank bin, dann bin ich glücklich.“ Und deine Essstörung feuert diese Utopie nur noch an.

Dabei wäre es viel schöner, vermittelt zu bekommen, dass es dir gut gehen wird, wenn du liebevoll mit dir und deinem Körper umgehst.

Bewältigung von Essstörungen

Arbeit an den Ursachen

Jede Form der Essstörung hat ihre Besonderheiten und stellt andere Herausforderungen an die Betroffene.

Während bei einer Magersucht eine Gewichtszunahme erforderlich ist, um gesund zu werden, sind bei Binge Eating weniger Kilo das Ziel. Und bei einer Bulimie gilt es, von den Ess-Brech-Anfällen wegzukommen. Es scheint also, als ob jede Form ein eigenes Modell zur Bewältigung der Probleme braucht.

Doch es scheint nur so, denn um eine Essstörung zu bewältigen, gilt es, hinter das Symptom, also das Hungern, des Überessen oder das Essen-und-Erbrechen, zu schauen. Und eben auf dieser tieferen Ebene anzusetzen.

Ein metaphorischer Vergleich

Die Funktionsweise von Essstörungen lässt sich anhand eines Vergleichs gut verstehen:

Stell dir vor, du bist mit deinem Auto unterwegs. Plötzlich leuchtet ein kleines Kontrolllämpchen warnend rot auf. Du machst dich auf den Weg in die Werkstatt, um das Problem beheben zu lassen.

Am nächsten Tag bekommst du dein Auto zurück und der Werkstattmitarbeiter erklärt dir, sie hätten die Kontrolllampe ausgewechselt, sodass sie nicht mehr leuchtet.

Erleichtert fährst du weiter. Doch es dauert nicht lange, bis dein Auto eigenartige Geräusche von sich gibt. Wieder begibst du dich auf den Weg in die Werkstatt, um nachsehen zu lassen, was los ist.

Ein paar Tage später kannst du dein Auto wieder abholen. Diesmal erfährst du, sie hätten die Motorhaube fester fixiert, damit sie nicht mehr so scheppert. Vielleicht wunderst du dich schon etwas, bist aber gleichzeitig auch froh, dass du dein Auto zurück hast.

Doch es dauert nicht lange, bis es vollends zum Stehen kommt und aus dem Motorraum nur noch dunkler Rauch aufsteigt.

Wo lag also der Fehler? Die Monteure haben sich lediglich um die Symptome, also die kaputte Lampe und die klappernde Motorhaube gekümmert. Effektiver wäre es gewesen, sie hätten sich gleich der Ursache, nämlich dem kaputten Motor, gewidmet. Denn auch wenn die Lampe nicht mehr geleuchtet und die Motorhaube nicht mehr geklappert hat, war die Ursache noch da. Und der defekte Motor hat immer neue und immer deutlichere Wege gefunden, um sich bemerkbar zu machen.

Bedeutung für deine Essstörung

Die Geschichte mag ein wenig skurril klingen und vielleicht hast du über die Herangehensweise der Werkstattmitarbeiter etwas geschmunzelt.

Sie macht aber sehr gut deutlich, wie eine Essstörung funktioniert: Magersucht, Bulimie und Binge Eating sind lediglich die Symptome, also das defekte Lämpchen, die scheppernde Motorhaube oder der aufsteigende Rauch. Eine Arbeit ausschließlich mit Essensplänen ist ziemlich aussichtslos.

Denn sobald die gewünschte Gewichtsveränderung gelingt, wird sich die dahinterstehende Ursache, also der kaputte Motor, eine neue Ausdrucksform suchen, um zu signalisieren, dass sie noch da ist. Du würdest zum Beispiel von einer Magersucht in eine Bulimie rutschen. Oder auch eine Symptomverschiebung von beispielsweise einer Esssucht hin zu einer Depression ist möglich. Das eigentliche Problem liegt auf einer anderen, tieferen Ebene und lässt sich auch nur dort beheben.

Wenn du deine Essstörung überwinden willst, ist es deshalb erforderlich, dass du nicht auf der Symptomebene stecken bleibst, sondern dass du dir die dahinter stehenden Ursachen anschaust. Denn die Essstörung möchte dich dazu einladen, zu verstehen, dass in deinem Leben einiges nicht mehr so funktioniert, wie es funktionieren könnte. Und erst, wenn du an diesen ganz basalen Stellen etwas veränderst und somit die Ursachen beseitigst, wird das Symptom von ganz alleine verschwinden.

Bitte beachte allerdings, dass bei starkem oder gar lebensbedrohlichem Untergewicht auch eine Arbeit am Essverhalten notwendig ist. Solltest du dir unsicher sein, ob dies auf dich zutriffst, so wende dich bitte schnellstmöglich an deinen Hausarzt oder einen Therapeuten. 

Hilfe bei Essstörungen

Formen der Hilfe

Das Versorgungssystem für Menschen mit Essstörungen ist inzwischen sehr komplex. Hier bekommst du eine kleine Übersicht über die wichtigsten Formen der Hilfe.

Ambulante Therapien

Im Bereich der ambulanten Therapien kannst du wählen zwischen der Verhaltenstherapie, der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie sowie der analytischen Psychotherapie. Diese Therapieformen sind von den Krankenkassen anerkannt und die Kosten werden übernommen.

Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass ein problematisches Verhalten erlernt ist und somit wieder verlernt werden kann. Sie setzt also direkt am Symptom an und arbeitet auf dieser Ebene.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie setzt an den in frühster Kindheit liegenden Ursachen an und verweist auf die verborgene Tiefe des Unterbewusstsein. Durch die Arbeit auf diesen Ebenen wird Veränderung im Hier und Jetzt erzielt. Das Vorgehen ist dabei konfliktzentriert.

Die analytische Pschyotherapie behandelt vor allem die zugrunde liegende Struktur des Patienten und zielt auf die Bearbeitung eines aktuellen Konflikts ab.

Teilstationäre und stationäre Therapien

Teilstationäre Therapien finden in Tageskliniken statt, sodass die Patientinnen tagsüber in Behandlung sind und abends wieder nach Hause gehen.

Für die stationären Therapien erfolgt die Aufnahme in eine Klinik, in der die Patientinnen rund um die Uhr betreut werden.

Auch wenn inzwischen komplementärmedizinische Ansätze wie Mal- und Bewegungstherapien, Kreativtherapien, Körpertherapien sowie systemische Therapien Einzug in die Therapieprogramme der Kliniken halten, so arbeiten diese noch sehr klassisch.

Auch diese Kosten werden in der Regel vom Kostenträger übernommen.

Ergänzende Angebote

Weiterhin gibt es ergänzende Angebote wie zum Beispiel Wohngruppen, alternative Behandlungsangebote oder Möglichkeiten der Hilfe zur Selbsthilfe. Diese können die Zeit bis zum Beginn einer Therapie überbrücken, Betroffene können sich nach einem Klinikaufenthalt stabilisieren und sie erhalten Unterstützung in ihrem Alltag.

Ansätze bei essmo: Wege aus der Essstörung

Nachfolgend kannst du lesen, was uns in unserem fachlichen Wirken bei essmo: Wege aus der Essstörung wichtig ist. Du erfährst, mit welchen Ansätzen wir arbeiten und welche Methoden dich auf deinem Weg unterstützen könnten.

Ansätze bei essmo

Selbsthilfearbeit

Pfade der Selbsthilfe

Da ich meinen Weg aus der Essstörung ausschließlich per Selbsthilfe gegangen bin, liegt bei essmo: Wege aus der Essstörung der Fokus auf der Hilfe zur Selbsthilfe. Meine Arbeit ist eine Ergänzung zu einer Therapie oder anderen Hilfsangeboten, sie kann helfen, die Zeit vor dem Beginn einer Therapie zu überbrücken oder sie kann dich in der Stabilisierungsphase nach einer Therapie unterstützen.

Dabei bedeutet Selbsthilfe zum einen, dass du in Situationen, in denen du alleine bist und in denen es dir nicht gut geht, in der Lage bist, für dich zu sorgen, damit du dich regulierst und es dir besser geht. Zum anderen bedeutet Selbsthilfe, dass du den vor dir liegenden Weg nicht alleine gehen musst, sondern dass du Weggefährtinnen und eine Begleiterin an deiner Seite hast, mit denen du zusammen auf den Pfaden der Selbsthilfe unterwegs bist. Du kennst das vielleicht aus einer Selbsthilfegruppe.

Dabei ist es nicht wichtig zu wissen, wohin dich der Weg führt. Natürlich ist es gut, ein Ziel vor Augen zu haben, auf das du dich ausrichtest (z.B. Freiheit, Leichtigkeit, Lebendigkeit,…). Doch gleichzeitig braucht es eine gewisse Offenheit für das, was kommen mag. Jetzt in diesem Moment ist es nicht wichtig, wie lang der Weg sein wird oder was dich hinter der nächsten Kurve erwartet. Viel entscheidender ist, dass du Schritt für Schritt für Schritt einen Fuß vor den anderen setzt und schaust: ‚Was brauche ich jetzt, damit es mir besser geht?‘

  • ein Gespräch mit einer lieben Freundin?
  • eine Umarmung?
  • ein paar Tränen rollen lassen, damit es danach leichter ist?
  • einen Abend nur für mich?
  • ein gutes Buch, um fachlich neue Impulse zu bekommen?
  • ein paar Inspirationen aus einem Podcast?
  • eine Selbsthilfegruppe?
  • eine Therapie zur intensiveren Unterstützung?

Auf diese Weise kommst du immer mehr im Moment an, sorgst liebevoll für dich und kommst dadurch auf deinem Weg aus der Essstörung voran. Denn die Essstörung wird nur so lange bei dir sein, wie sie bestimmte Aufgaben zu übernehmen hat. Und irgendwann wirst du sicher ganz überrascht feststellen, dass du die Essstörung gar nicht mehr brauchst, weil du nun selbst gut für dich sorgen kannst.

Beziehungsorientierte Arbeit

Forschungsarbeiten von Carl R. Rogers

Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl R. Rogers (1902 – 1987), Begründer der personenzentrierten Psychotherapie und einer der Hauptvertreter der humanistischen Ansätze, ging von einem Menschenbild aus, nach dem der Mensch von Grund auf gut ist und ein Interesse daran hat, sich weiter zu entwickeln und zu entfalten.

Mitte des vergangenen Jahrhunderts forschte Rogers dazu, welche Bedingungen ein Mensch braucht, damit er über sein inneres Erleben spricht, sich besser verstehen lernt und sich dadurch zu verändern beginnt. Er stellte fest, dass es nicht die Methode ist, die zu Veränderung führt. Das Entscheidende ist vielmehr die Beziehung zwischen dem Hilfesuchenden und dem Helfenden.

Dazu stellte er drei Variable auf, die in einer Beziehung zwischen zwei Menschen vorhanden sein sollten, damit Persönlichkeitsentwicklung geschehen kann.

Empathie

Wenn der Helfende nicht von seiner fachlich überlegenen Position heraus agiert, sondern dem Klienten auf Augenhöhe begegnet, sich in seine inneren Welten hinein fühlt und diese tatsächlich versteht, so öffnet das für den Hilfesuchenden einen Raum, in dem er sich immer weiter öffnen kann. Rogers ging davon aus, dass dem Hilfesuchenden wie auch dem Helfenden nur ein kleiner Teil der inneren Welt bewusst ist. Und dass die Therapie bzw. eine andere Form der Hilfe eine Art Reise ins Innere darstellt, bei der immer mehr Erkenntnisse aus dem Unbewussten ins Bewusstsein gelangen können. Für den Hilfesuchenden geht es also um eine Exploration seines inneren Erlebens, bei dem er in immer tiefere Schichten seiner Persönlichkeit eindringt. Damit der Hilfesuchende sich immer weiter öffnen kann, ist es aber erforderlich, dass er sich angenommen und verstanden fühlt.

Authentizität

Aufgabe des Helfenden ist es, dem Hilfesuchenden nicht in einer Rolle oder hinter einer Fassade zu begegnen, sondern ihm tatsächlich als Mensch gegenüber zu treten. Er sollte in jeden Moment der Zusammenarbeit über seine eigenen Gefühle, sein inneres Erleben sowie über Einstellungen reden können. Sehr schnell sollte er sich bewusst machen können, wenn er Abwehrhaltungen einnimmt, bei denen er eigene, unbewusste Anteile auf sein Gegenüber projiziert und diese Anteile bei sich selbst integrieren. Der Helfende sieht sich als Lernender, der mit jeder Begegnung wächst. Auch er lässt sich von den Begegnungen und Erfahrungen, die er innerhalb einer Stunde erleben darf, berühren. Außerdem bedeutet Authentizität, dass der Helfende nicht alles weiß, Fehler macht und nicht perfekt ist.

Wertschätzung

Die Begegnung zwischen dem Helfenden und dem Hilfesuchenden sollte immer in einer Atmosphäre der Wertschätzung erfolgen. Dabei geht dies nicht schematisch zu erlernen, da es sich um eine Wärme und Herzlichkeit handelt, die von innen kommt. Der Helfende sieht den Hilfesuchenden als eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Werten, Einstellungen, Meinungen und Lösungsstrategien. Es ist nicht die Aufgabe des Helfenden, seinem Gegenüber Lösungsvorschläge anzubieten oder ihm eigene Werte überstülpen zu wollen. Vielmehr geht es darum, ihn in jedem Moment so anzunehmen, wie er ist. Und somit einen Raum zu eröffnen, damit das, was gerade da ist, auch da sein darf. Indem ein Mensch diese Art der Zuwendung erfährt und im jetzigen Moment seines Seins angenommen wird, geschieht Veränderung von alleine. Denn diese Annahme durch eine andere Person trägt dazu bei, dass sich der Hilfesuchende auch selbst ein stückweit mehr annimmt.

Ganzheitliche Arbeit

Körper, Geist und Seele

Der ganzheitliche Ansatz geht davon aus, dass ein Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht. Diese drei Komponenten stehen in einem engen Zusammenhang zueinander.

Ein Beispiel für diese Zusammenhänge könnte sein, dass dein seelischer Hunger über den Körper zum Ausdruck kommt, indem du zu wenig beziehungsweise zu viel isst oder erbrichst. Erst, wenn sich die Seele genährt und gesättigt fühlt, verliert der Körper seine Funktion als Spiegel der Seele.

Körper-Geist-Seele Gleichgewicht

Inneres Gleichgewicht eines Menschen

Ein Mensch, der sich mit sich und der Welt im Lot befindet, hat gleichermaßen einen liebevollen Zugang zu seinem Körper, seinem Geist und seiner Seele. Alle drei werden mit dem, was sie mitzuteilen haben, beachtet. Und keine dieser drei Komponenten spielt sich in den Vordergrund.

Körper-Geist-Seele Ungleichgewicht

Entwicklungen bei Frauen mit Essstörungen

Wenn du eine Essstörung entwickelst, passiert nun Folgendes: Der Kopf übernimmt die Regie und wird dominanter und dominanter – erkennbar an nicht endenden Gedankenschleifen oder starker Verkopftheit. Dadurch, dass sich die Verstandesebene eine Machtposition erobert, verlieren der Körper und die Seele an Mitspracherecht und rücken immer weiter in den Hintergrund. Es entsteht also ein Ungleichgewicht.

Körper-Geist-Seele Essstörung

Versuch der Herstellung eines neuen Gleichgewichts

Nun strebt der Organismus aber immer nach Gleichgewicht. Das bedeutet, es braucht eine vierte Komponente, um das sich zunehmend entwickelnde Ungleichgewicht wieder auszugleichen. Und jetzt kommt die Essstörung ins Spiel. Denn wenn das Miteinander von Körper, Geist und Seele zunehmend aus der Balance gerät, braucht es eine Essstörung, um ein neues Gleichgewicht herzustellen.

Körper-Geist-Seele Gleichgewicht

Gesundes Gleichgewicht ohne Essstörung

Genau aus diesem Grund ist die Essstörung da. Solange sich Körper, Geist und Seele im Ungleichgewicht befinden, brauchst du die Essstörung, um irgendwie eine Balance herzustellen. Sobald es dir gelingt, den Verstand von seiner Machtposition runter zu holen und den Körper wie auch die Seele in ihren Funktionen zu stärken, wird sich nach und nach ein gesundes Gleichgewicht einstellen. Und dann wird die Essstörung überflüssig werden.

Aufgabe der ganzheitlichen Arbeit

Aufgabe der ganzheitlichen Arbeit ist es nun, zusammen mit dir heraus zu finden, wonach deine Seele hungert und diesen seelischen Hunger zu stillen. Bei essmo: Wege aus der Essstörung arbeite ich viel mit Berührungen im übertragenen Sinne, um echten Kontakt herzustellen und somit auf einer tiefen Ebene zu nähren.

Außerdem gilt es, dass du immer mehr im eigenen Körper ankommst. Berührungen im körperlichen Sinne können dir dabei helfen, sodass du einen Zugang zu deinem Körper und den Körperempfindungen bekommst.

Auf diese Weise werden die Seele und der Körper gestärkt und der bisher so dominierende Verstand rückt in den Hintergrund. Und sobald sich ein gesundes Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele einstellt, wird die Essstörung überflüssig werden und verschwinden.

Körperarbeit

Arbeit mit Berührungen

Die Körperarbeit wird bei essmo: Wege aus der Essstörung einen besonderen Raum einnehmen. In den nächsten Jahren möchte ich erforschen, wie Berührungen Betroffene auf ihrem Weg aus der Essstörung unterstützen können. Im Anschluss möchte ich daraus meine eigene, körperorientierte Methode zur Begleitung von Frauen mit Essstörungen entwickeln.

Deshalb soll es an dieser Stelle ein paar erste Überlegungen geben, in welche Richtung die Reise gehen wird.

Berührungen zum Nachholen fehlender, elementarer Erfahrungen

Kommt ein kleines Menschenwesen auf die Welt, so sucht es sofort die Nähe der ihm vertrautesten Person: der Mutter. Auch während der folgenden, ersten Lebensmonate ist die Haut das wichtigste Sinnesorgan, über welche das Baby elementare Erfahrungen sammelt. Außerdem ist es für eine gesunde Entwicklung erforderlich, dass seine Bezugsperson während des ersten Lebensjahres seine Bedürfnisse augenblicklich erkennt und stillt.

Machen wir uns nun bewusst, wie tief die Metaphorik in die Seele eines Menschen blicken lässt, so wird sehr schnell klar: Frauen, die ein Thema mit Ernährung haben, haben auch das Thema, als Baby nicht ausreichend genährt worden zu sein. Ihr nicht zu stillender Hunger lässt darauf schließen, dass bereits während der ersten Lebensmonate ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung nicht ausreichend gestillt worden sind.

Über Berührung lassen sich viele der fehlenden Erfahrungen aus den frühsten Jahren nachholen. So kann es eine nicht in Worte zu fassende, wunderschöne, nachnährende Erfahrung sein, wenn eine andere Person einen über eine längere Zeit einfach nur im Arm hält und wiegt.

Berührung als Ansatz für schnellere Erfolge

Dass die Arbeit lediglich auf rein kognitiver Ebene sehr kräftezehrend und langwierig ist, spricht sich so langsam herum. Die Themen sitzen im Körper und lassen sich auch nur über diesen heraus lösen.

Ich selbst durfte auf meiner eigenen Reise eine sehr faszinierende Erfahrung machen, die viel in mir bewegt hat:

Mehrere Tage lang war ich vollkommen aus meiner inneren Mitte gerissen. All die mir zur Verfügung stehenden Strategien, um wieder bei mir anzukommen, halfen in dieser Zeit nichts. Durch eine einzige Umarmung voller Präsenz von etwa einer Minute Dauer, eingebettet in eine kurze Fünf-Minuten-Begegnung, fand ich wieder in mein inneres Gleichgewicht zurück. Mehr noch: Sehr gestärkt und voll neuer Kraft ging ich in meinen Alltag zurück.

Diese beeindruckende Erfahrung warf bei mir die Frage auf, ob wir uns viele Stunden Gespräch sparen könnten, wenn wir uns intensiver dem Körper zuwenden würden.

Berührung als ganzheitlicher Ansatz in der Begleitung

Es ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, vom Gegenüber wahrgenommen, gesehen und in der Tiefe berührt zu werden. Wenn dies im übertragenen Sinne geschieht, so kann dies eine sehr intensive Erfahrung sein, die viel in Bewegung bringt.

Wer zudem schon einmal erlebt hat, in einer Zeit der Traurigkeit, der Angst und der Verzweiflung nicht nur im übertragenen, sondern auch im körperlichen Sinne berührt zu werden, der weiß, um wie viel ganzheitlicher und runder sich das anfühlt. Eine Berührung, die auf geistiger, seelischer sowie körperlicher Ebene geschieht, fühlt sich sehr vollkommen an und deren Wirkung lässt sich nicht in Worte fassen.

Berührung als Ansatz zur Schulung der Körperwahrnehmung

Essstörungen, insbesondere die Magersucht, gehen mit einer starken Körperwahrnehmungsstörung einher. Betroffene haben den Bezug zu ihrem eigenen Körper vollkommen verloren und nehmen sich als viel dicker wahr, als sie in Wirklichkeit sind.

An dieser Stelle liegt es nahe, mit Körperwahrnehmung und Wahrnehmungsübungen zu arbeiten. Berührung kann dabei zu einem wichtigen Werkzeug werden. Durch diese spüren Betroffene ganz real, wo ihr eigener Körper endet und der Körper einer anderen Person beginnt. Denn körperliche Fähigkeiten lassen sich nicht über Worte entwickeln, sondern nur über körperliche Erfahrungen.

Berührung in der Begleitung von Frauen mit sexuellen Traumata

Die starke Ablehnung der eigenen Weiblichkeit bei Essstörungen sprechen dafür, dass es zu starken Verletzungen im Bereich der Weiblichkeit gekommen ist. Dies können sexuelle Übergriffe und Missbrauchserfahrungen, aber auch starke Angriffe auf das Frausein sein.

Mithilfe von Berührungen können Betroffene neue, positive und vor allem achtsame Berührungserfahrungen sammeln. Auf diese Weise können die alten Erfahrungen mit der Zeit immer mehr überschrieben werden und die Frau kann in ihrem Frausein wachsen und mehr Selbstbewusstsein entwickeln.

Weggefährtin werden

Stell dir vor, du hast Weggefährtinnen und eine Begleiterin an deiner Seite, mit denen du auf den Pfaden der Selbsthilfe unterwegs bist. Im internen, kostenlosen (!) Mitgliederbereich von essmo wird dies möglich.

Facebook   Instagram   YouTube   iTunes   Spotify

Hinweis: Auf essmo: Wege aus der Essstörung bekommst du Hilfe zur Selbsthilfe. Die Inhalte und Angebote dieser Seite ersetzen nicht den Besuch bei einem Arzt, Therapeuten oder Heilpraktiker.