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Hilfe für Betroffene

Wenn die eigene Tochter oder ein anderes Familienmitglied an einer Essstörung erkrankt, ist eine große Frage, wie der Betroffenen geholfen werden kann. Dabei ist die Art der Hilfe, welche die (junge) Frau in ihrer momentanen Lebenssituation braucht, so unterschiedlich wie die Betroffenen selbst.

Deshalb soll es an dieser Stelle eine Übersicht über mögliche Formen der Hilfe geben. Dabei braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl, um heraus zu finden, was die Betroffene jetzt auf ihrem Weg voran bringen würde.

Einfühlsames Wachrütteln

Eine Essstörung, insbesondere eine Magersucht, ist eine Körperschemastörung. Das bedeutet, dass die Betroffene eine verzerrte Wahrnehmung von ihrem Körper hat. Sie nimmt sich als viel kräftiger wahr, als sie in Wirklichkeit ist. Selbst, wenn sie sich bereits im Untergewichtsbereich befindet, will sie oftmals noch weiter abnehmen, da sie sich als rundlich empfindet. In diesem Fall braucht es ein einfühlsames Wachrütteln. Das bedeutet, dass die Betroffene ein Gegenüber braucht, das ihr auf ehrliche und dennoch wertschätzende Weise spiegelt, dass es ein großes Problem gibt. Und dass es wirklich wichtig wäre, hin- und nicht mehr weg zu schauen. Solch ein Gespräch kann zu einer wichtigen Schlüsselerfahrung werden und der erste Schritt in eine neue Richtung sein.

Ehrliches Gegenüber

Entwickelt ein Familienmitglied eine Essstörung, so bringt das auch die Welt der Angehörigen durcheinander. Für die Betroffene kann es sehr hilfreich sein, von dir als Angehörige ehrlich mitgeteilt zu bekommen, wie es dir mit der Situation geht. Diese Art der Kommunikation kann zum Beispiel so aussehen:

  • „Ich mache mir Sorgen, weil du immer weiter abnimmst.“
  • „Wirklich verzweifelt bin ich, weil ich nicht mehr weiß, wie ich dich erreichen kann.“
  • „Ich habe gerade selbst keine Idee, wie wir aus dieser festgefahrenen Situation heraus kommen.“
  • „Weißt du, ich freue mich wirklich, dass wir heute so ein offenes Gespräch miteinander geführt haben.“

Um auf diese Weise kommunizieren zu können, ist es wichtig, dass du zunächst selbst in dich hinein hörst, um heraus zu finden, wie es dir eigentlich geht. Wenn du anfängst, deine Masken abzunehmen, kann auch deine Tochter anfangen, sich authentischer und nicht immer nur stark zu zeigen.

Interesse &Empathie

Im Zuge der Überforderung mit der Situation neigen Angehörige schnell dazu, die Betroffene zum Essen zu drängen. Die Sorgen und die Überforderung sind natürlich vollkommen verständlich. Und es ist wichtig für deine eigene Seelenhygiene, dass du eine Person hast, mit der du deine Lasten teilen kannst. Denn erst, wenn du selbst innerlich gestärkt und genährt bist, kannst du dies an die Betroffene weiter geben.

Für den Kontakt mit der Betroffenen ist es allerdings eher kontraproduktiv, sie zum Essen zu drängen. Es ist nicht so, dass die junge Frau nicht essen will. Vielmehr kann sie es einfach nicht, weil ihre Kehle wie zugeschnürt ist. Denn die Symptome auf körperlicher Ebene sind lediglich ein Ausdruck dafür, wie sehr die Seele hungert. Erst, wenn der seelische Hunger gestillt ist, werden die Symptome auf körperlicher Ebene verschwinden.

Deshalb wäre es für die Betroffene viel hilfreicher, wenn sie ein Gegenüber hätte, was sich wirklich dafür interessiert, wie es ihr geht, ihr zuhört ohne zu urteilen und das Gesagte so stehen lässt. Denn über das ehrliche Interesse und die Empathie bekommt die Seele der Betroffenen ein wenig von dem, wonach sie so sehr hungert.

Wichtig ist dabei aber wirklich, dass du innerhalb deiner Grenzen handelst und nur dann gibst, wenn du Kraft zum Geben hast, weil du selber genährt bist.

Autonomie

Eine Magersucht entsteht häufig während der Pubertät. Von ihrem Entwicklungsstadium her will sich die junge Frau langsam aus ihrer Familie heraus lösen und eigene Wege gehen. Es scheint aber nonverbal vermittelte Botschaften zu geben, die sie daran hindern. Über die Magersucht hat sie nun eine Möglichkeit gefunden, um die „Kleine“ zu bleiben und dennoch über das Nichtessen das Gefühl von Selbstbestimmung zu erfahren. An dieser Stelle wäre es sinnvoll, wenn du dir bewusst machst, was für Dynamiken unbewusst innerhalb eurer Familie ablaufen.

Dazu kannst du dir zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  • „Wie gut spüre ich meine Grenzen und kann entsprechend die Grenzen der anderen wahrnehmen?“
  • „Führe ich ein selbstbestimmtes Leben oder fühle ich mich häufig von anderen abhängig?“
  • „Was brauche ich, um meinen eigenen Weg zu gehen?“

Sobald du mehr Bewusstsein über die ablaufenden Dynamiken hast und bei dir etwas veränderst, wird sich das automatisch positiv auf die Beziehung zu der Betroffenen auswirken und sehr hilfreich für sie sein.

Zufriedene Vorbilder

Menschen mit einer Essstörung bringen auf sehr überspitzte Art und Weise zum Ausdruck, wie es den allerallermeisten Frauen in unserer Gesellschaft mit ihrem Körper geht. Deshalb Hand aufs Herz: Wie geht es dir mit deinem Frausein? Fühlst du dich wohl in deinem Körper? Kannst du ihn liebevoll annehmen, so wie er ist? Genießt du es, als Frau ein zyklisches Wesen zu sein?

Wenn du diese Fragen mit „Nein“ beantwortest, dann hast du jetzt die Gelegenheit, daran etwas zu ändern.

Kinder lernen so viel über die Vorbildfunktion von ihren Eltern. Deshalb lohnt es sich wirklich, daran zu arbeiten, selber ein liebevolles Verhältnis zum eigenen Körper, zum weiblichen Zyklus und zum Frausein zu entwickeln. Denn diese Veränderung, die du dabei vollziehst, wird sich auch positiv auf deine Tochter auswirken.

Therapie

Natürlich steht auch die Frage nach einer Therapie. Dabei ist zu unterscheiden, in welcher Situation sich die Betroffene befindet. Leidet sie bereits unter lebensbedrohlichem Untergewicht oder praktiziert sie in ihrem Essverhalten starke Zwangsrituale, die sie in gefährlich niedrige Gewichtsverluste hinein treiben, so sind ein Handeln und somit eine Einweisung in eine Klinik zwingend erforderlich.

Besteht keine Lebensgefahr, so sollte der Betroffenen ihr Recht auf Selbstbestimmung zugesprochen werden. Du kannst ihr ans Herz legen, sich in eine Therapie zu begeben, aber du solltest sie nicht zwingen. Denn eine Therapie wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Betroffene innerlich selbst bereit ist, an sich zu arbeiten und etwas zu verändern. Wenn sie innerlich noch nicht so weit ist, dann gib ihr bitte die Zeit, die sie braucht.

Arbeit an eigenen Themen

Da alles miteinander verbunden ist, gibt es enge Verbindungen zwischen der Betroffenen und dir. Wie schon bei den Punkten „Autonomie“ sowie „Zufriedene Vorbilder“ durchgeklungen ist, wird es positive Auswirkungen auf deine Tochter haben, wenn du dich veränderst. Deshalb ist es eine nicht zu unterschätzende Hilfe für die Betroffene, wenn du an dir und deinen Themen arbeitest. Denn indem du dich veränderst und Dinge für dich klar rückst, wird das zu Veränderungen in eurem Miteinander führen und somit auch automatisch etwas mit der Betroffenen machen.