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Funktionen von Essstörungen

Wenn eine Frau in eine Essstörung rutscht, passiert das meist sehr unbemerkt und leise. Eine kleine Diät, die aus dem Ruder läuft und die sich irgendwann als handfeste Essstörung entpuppt. Sobald klar ist, dass es da wirklich ein Problem gibt, versuchen die allermeisten Frauen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Die Strategie sieht in der Regel sehr ähnlich aus: Sie wollen anhand von Essensplänen und festen Ernährungsvorgaben wieder Kontrolle über ihr Essverhalten bekommen. Doch es dauert nicht lange und sie stellen fest, dass die Strategie nicht so richtig funktioniert. So strengen sie sich noch mehr an und versuchen, sich noch disziplinierter an die Vorgaben zu halten. Aber auch das funktioniert nicht und zurück bleiben Frustration und Enttäuschung.

Vielleicht gehörst auch du zu den Frauen, die wirklich alles geben, aber ihr Essverhalten nicht in den Griff bekommen? Und bist verzweifelt, weil es einfach nicht klappt?

Doch es liegt nicht an dir. Es ist die gewählte Strategie, die einfach nicht funktionen kann.

Warum ist das so?

Das Essen hat bei dir bestimmte Funktionen übernommen. Es ist zu einer Art Bewältigungsstrategie geworden für Aufgaben, die du momentan noch nicht auf andere, konstruktivere Art und Weise gelöst bekommst. Zur Zeit brauchst du deine Essstörung noch, um die Herausforderungen zu meistern, die das Leben an dich stellt. Erst wenn du dir neue Strategien aneignest, entlässt du die Essstörung aus ihrer Funktion und sie wird überflüssig werden.

Welche Funktionen eine Essstörung übernehmen kann, erfährst du in der folgenden Übersicht.

Essen als Liebesersatz

Frauen, die unter einer Essstörung leiden, haben auf ihrem Lebensweg oftmals erfahren, dass sie nicht liebenswert sind, so wie sie sind. So haben sie diesen Glaubenssatz fest verinnerlicht und behandeln sich auch als Erwachsene so, als ob sie nicht liebenswert wären. Sie kümmern sich viel um andere und sind für diese da, vergessen dabei aber sich selbst. Doch niemand kann nur geben und geben. Es braucht genauso einen Ausgleich, also die Momente des Nehmens. Stunden also, in denen sie erfahren, dass sie liebenswert und wertvoll sind. Solange sie diese Zeiten des Nehmens in ihrem Alltag nicht erleben, brauchen sie das Essen, um sich auf diese Weise zumindest ein wenig Zuwendung zu geben.

Essen als Strategie der Gefühlsregulation

Gefühle gehören zum Leben dazu. Sie entstehen und warten darauf, gefühlt zu werden. Denn dadurch verschwinden sie für immer. Frauen mit Essstörungen haben sich allerdings eine andere Strategie angeeignet, um mit Gefühlen umzugehen: Sie drücken diese weg. Doch dies ist auf Dauer keine komplikationslose Strategie, denn die Gefühle machen sich mit der Zeit immer stärker bemerkbar, denn sie wollen gefühlt werden. Und nun braucht es die Essstörung zur Regulation: Das Hungern hilft, unangenehme Gefühle weiterhin zu unterdrücken, um sie nicht wahrnehmen zu müssen. Bei Essanfällen werden die aufsteigenden Gefühle wieder hinunter geschluckt. Und wenn der Mageninhalt im Anschluss über der Kloschüssel entleert wird, werden mit ihm alle unangenehmen Gefühle heraus geschleudert.

Essen als Schutz

Das Setzen von gesunden Grenzen ist bei betroffenen Frauen oftmals ein Thema. Doch Grenzen sind lebensnotwendig, denn sie dienen als Schutz. Auch an dieser Stelle hilft das Essen weiter. Bei einer Bulimie und dem damit verbundenen unauffälligen Essverhalten halten die Frauen eine perfekte Fassade aufrecht und werden somit nicht angreifbar. Durch das übermäßige Essen legen sich Betroffene eine dicke Haut zu, die sie vor der Außenwelt schützt. Und Frauen mit Magersucht zeigen durch ihre spitzen Knochen auf ganz eigene Weise Kante und grenzen sich dadurch ab.

Essen als Methode der Entspannung

Das Essen hat auch eine entspannende Wirkung. Frauen mit einer Essstörung haben auf ihrem Lebensweg viel Ballast angesammelt, der nun von innen drückt. Und  fast täglich kommen neue, unangenehme Erfahrungen hinzu. Nun braucht es die Essstörung, denn Essen hilft bei der Zerstreuung und der Entspannung. So müssen Betroffene nicht allzu viel von dem wahrnehmen, was da an unangenehmen Erfahrungen in ihnen rumort. Stattdessen haben sie eine Möglichkeit gefunden, sich mithilfe des Essens, des Erbrechens oder des Hungerns zumindest für kurze Momente zu entspannen.

Essen als Lebenssinn

Wer unter einer Essstörung leidet, fühlt sich oftmals sehr leer. Nicht selten fehlt das Gefühl, dass das eigene Leben einen Sinn hat. Doch so ein latentes Gefühl der inneren Leere lässt sich auf Dauer nicht aushalten. Auch an dieser Stelle hilft die Essstörung. Denn sie lenkt ab. Und der Fakt, sich fast rund um die Uhr mit dem Essen zu beschäftigen, kann zum Lebenssinn werden.