Verwandlungsprozesse

Viele Frauen, die mit einer Essstörung zu tun haben, mussten auf ihrem Lebensweg Schlimmes erleben. Diese einschneidenden Ereignisse belasten sie bis heute und geben ihnen innerlich keine Ruhe. Doch heißt das, dass sie nun für immer Opfer ihrer Vergangenheit bleiben müssen und sich damit abzufinden haben, dass sie diese schrecklichen Erlebnisse mit sich rumschleppen?

Meine klare Antwort lautet: Nein. Denn der Organismus, also das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, hat ein Interesse daran, Belastendes loszuwerden und sich dabei zu verwandeln. Es ist also möglich, selbst schlimmste Erfahrungen hinter sich zu lassen. Und im Zuge dieses Verwandlungsprozesses entsteht etwas, das Schöner und Größer ist, als alles, was zuvor da war.

Solch ein Verwandlungsprozess verläuft in sieben Phasen:Verwandlungsprozesse 01

1. Phase: Erkenntnis

Belastende Erfahrungen konnte der Organismus zum Zeitpunkt, als sie passiert sind, nicht verarbeiten. Das bedeutet unter anderem, dass sie im Gedächtnis nicht richtig abgespeichert worden sind. In Folge dessen erinnern sich Betroffene entweder gar nicht oder nur sehr lückenhaft an das Ereignis. Es ist halt verdrängt.

Irgendwann entschließt sich der Organismus, den Verwandlungsprozess zu diesem belastenden Ereignis in Gang zu setzen. Dieser Zeitpunkt lässt sich von Außen nicht beeinflussen. Das ist insofern gut, als dass der Organismus sehr genau weiß, wann er über ausreichend Strategien verfügt, um das belastende Ereignis zu verarbeiten.

Der erste Schritt ist also die Erkenntnis. Das bedeutet, dass dir bewusst wird, dass du Dieses oder Jenes erfahren musstest. Wenn du zumindest lückenhaft von einem belastenden Ereignis weißt, dann beginnen sich die Lücken immer mehr zu schließen und du erinnerst dich an immer mehr Details.

2. Phase: Verdrängung

Solch ein belastendes Ereignis ist mit einer Reihe unangenehmer Gefühle verbunden, die damals entstanden sind und noch in dir schlummern. Sie warten darauf, endlich gefühlt zu werden, denn auf diese Weise verlassen sie deinen Körper und belasten nicht mehr.

Doch es ist noch nicht ganz an der Zeit dafür. Deshalb wirst du auf die hervor gebrochene Erkenntnis zunächst mit einer Das-kann-doch-nicht-sein-Haltung reagieren. Dein Organismus verschafft sich auf diese Weise noch eine kleine Pause, um Kraft zu sammeln, bevor die emotionale Welle heran gerollt kommt

3. Phase: Angst

Und nun geht es los: Die angestauten Emotionen beginnen langsam aufzubrechen.

Das erste Gefühl, das da kommt, ist die Angst. Die bisherige Sicherheit geht zunehmend verloren und am Angenehmsten wäre es, wieder einen Rückzieher zu machen, weil das, was da kommt, bedrohlich erscheint. Angst fühlt sich immer eng an. Aber wenn du es schaffst, durch die Angst hindurch und auf die Unsicherheit zuzugehen, dann wird hinter der beklemmenden Enge eine ungeahnte Weite und Freiheit auf dich warten.

Es lohnt sich also, die Angst zuzulassen und zu fühlen.

4. Phase: Wut

Hast du dich durch die Angst hindurch gearbeitet, wird als Nächstes die Wut zu Tage treten.

Wie alle der aufbrechenden Gefühle ist auch die Wut ein altes Gefühl. Das heißt, es ist damals entstanden und du fühlst es stellvertretend für zum Beispiel das kleine Mädchen von einst. Die Wut gilt der Person, die dir die schlimme Erfahrung angetan hat. Mit ihr signalisierst du: ‚Du hast hier meine Grenzen übertreten und mir Furchtbares angetan. Ich bin sauer auf dich, weil ich nicht wollte, dass du meine Grenzen derart verletzt.‘

Die Wut ist eine mächtige Kraft und wenn sie da ist, hast du ein Übermaß an Energie. Also, such dir ruhig etwas, bei dem du deinen Energieüberschuss loswirst. Zum Beispiel, indem du in einen Boxsack boxt, deine Wut in die Pedale deines Fahrrades trittst oder rennst. (An dieser Stelle bitte wieder Vorsicht bei Untergewicht!)

5. Phase: Trauer

Nachdem dein Energielevel während der Wut ganz oben war, wird es nun langsam aber kontinuierlich nach ganz unten sinken. Die Trauer kommt. Diese ist das letzte Gefühl und vielleicht tröstet es dich an deinem Tiefpunkt, dass es nun bald geschafft ist. Trauer ist dafür da, um Altes loszulassen. Indem du sie zulässt und fühlst, schließt du Frieden damit, dass die Sache anders gelaufen ist, als du es dir gewünscht hättest. Und mit den Tränen fließt das belastende Ereignis nun endgültig davon.

6. Phase: Integration

Ab jetzt geht es wieder aufwärts. Das Erlebnis von damals ist in dein Bewusstsein aufgestiegen und alle in dem Zusammenhang stehenden Emotionen, die noch in deinem Körper gespeichert waren, haben nun diesen verlassen.

Die Phase der Integration ist eine Phase der Erschöpfung. Dein Organismus hat in letzter Zeit viel geleistet, indem er das belastende Ereignis verarbeitet hat. Und nun braucht er Ruhe und Zeit, um das Erlebnis für sich so einzuordnen, dass es komplett abgeschlossen werden kann und nicht mehr in dir rumort. Er braucht sozusagen noch etwas, um sich zu sortieren.

In dieser Phase kann es sein, dass du ein erhöhtes Schlafbedürfnis hast. Gesteh dir das bitte zu, denn dein Organismus braucht diese Erholung nach der anstrengenden Arbeit.

7. Phase: Dankbarkeit

Und nun ist es geschafft. Du hast die Phasen der Bewusstwerdung und der emotionalen Verarbeitung durchlaufen, das Ereignis wurde gut einsortiert und ab jetzt bist du wieder frei für das, was das Leben so für dich bereit hält.

Wenn du diese Stufe erreicht hast, wirst du sehr dankbar sein, dass du das schlimme Erlebnis überstanden hast und sogar noch daran gewachsen bist. Und dir wird nun mehr Kraft zur Verfügung stehen, als vor dem Prozess.

Es ist also eine Phase zum Genießen und Feiern. Denn du und dein Organismus haben Großes geleistet!

Diesen anstrengenden Prozess musst du natürlich nicht alleine bewerkstelligen. Eine Therapeutin oder eine Seelsorgerin, bei der du sich wohlfühlst, kann an dieser Stelle sehr hilfreich sein. Denn sie begleitet dich bei all dem, was da an Erkenntnissen und Emotionen hervor brechen will.