Ursachen von Essstörungen

Die Ursachen von Essstörungen sind hochkomplex, sodass du an dieser Stelle eine erste Übersicht bekommen sollst.

Was ganz, ganz wichtig ist: Du bist nicht schuld daran, dass du eine Essstörung hast. Es gibt eine ganze Reihe an Faktoren, die dazu geführt haben, dass du eine Magersucht, eine Bulimie oder eine Esssucht entwickelt hast. Es geht also nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um ein Verstehen von Zusammenhängen.

Biografische Einflüsse

Frauen, die mit einer Essstörung kämpfen, haben in der Regel als Kind Erfahrungen gemacht, die zu viel für sie waren.

Das kann zum Beispiel Folgendes gewesen sein:

  • Ihre Bezugspersonen haben ihnen als Baby nicht das an Nähe, Wärme und Zuneigung gegeben, was sie gebraucht hätten.
  • Die Erwachsenen haben sie nicht dabei unterstützt, einen gesunden Umgang mit ihren Gefühlen zu entwickeln.
  • Ihre Vorbilder haben ihnen unterschwellig vermittelt, dass sie nicht in Ordnung seien, so wie sie sind.
  • Ein oder beide Elternteile haben sie stark kontrolliert oder manipuliert.
  • Früh mussten sie schon Verantwortung übernehmen und durften nicht so recht Kind sein.
  • Ihre Eltern haben sie in eine Elternrolle gedrängt und sie mussten für sie da sein, weil diese nicht so recht klar gekommen sind mit sich und der Welt.
  • Sie haben emotionalen oder sexuellen Missbrauch erlebt.

Wenn du auch solche oder ähnliche Erfahrungen machen musstest, dann hat das natürlich etwas mit dir gemacht. All die Erlebnisse, die du nicht verarbeiten konntest, weil sie zu viel für deine kleine Kinderseele waren, wurden in dir drin gespeichert und rumoren dort kräftig.

Und nun brauchst du deine Essstörung zur Kompensation. Sie hilft dir, nicht allzu viel von dem zu spüren, was du erleben musstest.

Familiäre Einflüsse

Familien, in denen ein Familienmitglied eine Essstörung entwickelt, weisen bestimmte Merkmale auf:

  • Alle kümmern sich scheinbar um alle anderen, niemand kümmert sich um sich.
  • Die Familienmitglieder formulieren ihre Bedürfnisse nicht offen, sondern die Kommunikation läuft verdeckt. („Du willst doch heute Abend bestimmt ins Kino gehen.“ statt „Ich hätte Lust, heute Abend mit dir ins Kino zu gehen. Kommst du mit?“)
  • Sie achten nicht die Grenzen des anderen, sondern überschreiten diese immer wieder.
  • Es gibt keine klare Trennung zwischen dem Ich und dem Du, sondern nur ein verwaschenes Wir.

Wenn du in so eine Familie reingeboren wurdest, dann hast du diese Muster automatisch übernommen. Woher hättest du wissen sollen, dass es auch anders geht?

Und nun brauchst du deine Essstörung, denn über das (Nicht-)Essen gibst du dir die Liebe, die du auf anderem Wege nicht erhalten hast. Du drückst über deine Körpersprache aus, was sich nicht in Worte fassen lässt. Und eine Essstörung ist auch eine Möglichkeit, um Kante zu zeigen (bei Magersucht), sich hinter einer perfekten Fassade zu verstecken und dadurch unnahbar zu sein (bei Bulimie) oder sich eine dicke Haut zuzulegen (bei Binge Eating). Sie ist also eine Möglichkeit, um sich abzugrenzen.

Generationale Einflüsse

All die Erfahrungen, die deine Vorfahren gesammelt haben und die sie nicht verarbeiten konnten, haben sie an dich weiter gegeben. Das kann zum Beispiel dieses Erlebnis sein:

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland kalte Winter und schlimme Hungerjahre. Die Menschen wussten oftmals nicht, ob sie die kommenden Wochen überleben werden und das hat natürlich geprägt.

Als es dann endlich wieder zu essen gab, haben viele Menschen dieser Zeit ein Verhalten entwickelt, das für die Kriegsgeneration sehr typisch ist. „Iss doch, mein Kind!“, „Es ist genug da!“ und „Du brauchst nicht zu hungern!“, sind ganz klassische Sätze. Sie haben ihren Kindern und Enkeln das Essen quasi aufgezwängt, weil ihnen ihre eigene Hungererfahrung noch so tief in den Knochen saß.

Ist es da ein Wunder, dass du dir eine Essstörung zugelegt hast? Du hattest ja gar keine Chance, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

Einflüsse aus dem Umfeld

Wie die Menschen um dich herum leben und in welchen Kontexten du dich befindest, macht natürlich auch etwas mit dir:

  • Studierst du an einer Uni, in der das leistungsorientierte Denken im Vordergrund steht und wo alle erwarten, dass du mit Bestnoten abschließt?
  • Gehst du auf eine Arbeitsstelle, wo höchster Einsatz von dir gefordert wird, ohne dass sich jemand dafür interessiert, wie es dir damit geht?
  • Bist du in einem Sportverein, in dem Gewinnen und Konkurrenzdenken ganz groß geschrieben werden?
  • Engagierst du dich ehrenamtlich an einem Ort, wo es darum geht, immer alle Aufgaben zu verteilen, ohne dass jemand fragt, ob du überhaupt Ressourcen hast?
  • Hast du Leute um dich herum, die Familie, Kinder, Job und Ehrenamt perfekt unter einen Hut bringen?

Wenn du in so einem Umfeld lebst, dann übernimmst natürlich auch du Werte wie Perfektionismus, Leistungs- und Konkurrenzdenken und gehst über deine eigenen Grenzen hinaus. Dir fehlen ja die Vorbilder, die liebevoll und achtsam mit sich selbst und den eigenen Ressourcen umgehen.

Gesellschaftliche Einflüsse

Auch Medien, Stars & Sternchen und die Bilder, die dir tagtäglich vermittelt werden, prägen ungemein.

Du brauchst nur eine Zeitschrift aufschlagen oder auf Werbeplakate schauen und schon lächeln dich überall scheinbar glückliche Menschen mit perfekt retuschierten Körpern an. Das dadurch transportierte Schönheitsideal setzt sich dann in deinem Kopf fest und du wirst denken: „Wenn ich schlank bin, dann bin ich auch glücklich.“ Und deine Essstörung feuert diese Utopie nur noch an.

Dabei wäre es viel schöner, vermittelt zu bekommen, dass es dir gut gehen wird, wenn du liebevoll mit dir und deinem Körper umgehst.

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