Sollten Frauen mit Magersucht zum Essen angehalten werden?

von | Mrz 9, 2019

In den letzten Tagen habe ich mit einer Frau, die von Magersucht betroffen ist und die auf Kliniksuche war und mich nach meinen Erfahrungen fragte, ein paar Mal hin und her gemailt. Sehr schnell kamen wir auf die Ernährungsprogramme zu sprechen, die in der Regel in den Kliniken laufen und sie berichtete, dass sie gezwungen wurde, innerhalb kurzer Zeit doch einiges an Gewicht zuzulegen.

Ihre Worte bewegten etwas in mir, denn sie sprach etwas an, was ich schon seit längerer Zeit auch so empfinde, wo ich mich bisher aber an dieser Stelle immer sehr bedeckt gehalten habe: Dass bei diesen Ernährungsplangeschichten, wie sie in den Kliniken laufen, oftmals eine ganze Portion Druck dabei ist. Und dass ich mich frage, inwieweit die Arbeit am Symptom zielführend ist.

Warum Druck die ungesunden Muster nur verstärkt

Ich möchte einfach ein paar Fragen stellen:

Respekt: Um gegenseitigen Respekt und Achtung voreinander geht es an so vielen Stellen. Doch wie steht es um den Respekt gegenüber einer Betroffenen, wenn sie gegen ihren Willen – oder vielmehr entgegen dem, was ihr gerade möglich ist – dazu angehalten wird, zu essen?

Grenzen: Mit einer Magersucht geht in der Regel eine Grenzthematik einher. Betroffene haben noch nicht gelernt, sich im übertragenen Sinne abzugrenzen und bräuchten eigentlich jemanden, der ihre Grenzen ernst nimmt. Ist es da wirklich so sinnvoll, wieder einmal und zweimal und dreimal mehr ihre Grenzen zu überschreiten?

Autonomie: Wie wohl bei keiner anderen Form der Essstörung sehnen sich Frauen mit Magersucht nach Autonomie. Sie fühlen sich in ihrem Leben so sehr eingeengt und fremdbestimmt, dass ihnen nur noch das Nichtessen bleibt, um in irgendeiner Form das Gefühl zu haben, etwas selbst entscheiden zu können. Warum wird ihnen da auch noch dieser letzte Funke an Autonomie genommen?

Vertrauen: Absolute Basis für eine gute therapeutische oder auf andere Weise heilsam wirkende Beziehung ist Vertrauen. Doch wie sollen Betroffene Vertrauen zu einer Person entwickeln, die sie zwingt, etwas gegen ihren Willen zu tun?

Entfaltung: Auf dem Weg aus der Essstörung geht es um Persönlichkeitsentfaltung und Wachstum. Und dafür ist es notwendig, dass Betroffene immer mehr aus der Kontraktion in die Öffnung gehen. Wenn sie allerdings gezwungen werden, etwas gegen ihren Willen zu tun, dann löst das erneut Kontraktionen aus und führt eher dazu, dass sie sich noch mehr verschließen.

Empathie: Es ist ja nicht so, dass Betroffene nicht essen wollen. Sie können es einfach nicht, weil sie keinen Bissen hinunter kriegen. Und diese Blockade lässt sich nicht durch Druck, sondern durch Empathie auflösen. Denn nur, wenn dieser Appetitlosigkeit mit Sanftheit begegnet wird, wird sie irgendwann wie von selbst verschwinden.

Entspannung: Betroffene stehen permanent unter Druck. Mehr Leistung. Besser sein. Alles noch perfekter tun. Wäre es da nicht sinnvoll, ihnen nicht auch noch mit Zunehmprogrammen Druck zu machen?

Tiefe: Bei einer Essstörung geht es nicht um das Essen. Das Hungern ist nur ein Ausdruck dafür, wie sehr die Seele hungert. Deshalb wäre es doch viel zielführender, sich dem seelischen Hunger zuzuwenden. Denn wenn dieser gestillt ist, verschwindet das Hungern auf körperlicher Ebene von ganz alleine.

Wenn das Untergewicht allerdings so niedrig ist, dass es in den lebensbedrohlichen Bereich hinein geht oder der körperliche Gesamtzustand sehr, sehr schlecht ist, dann braucht der Körper natürlich die Nahrungszufuhr, denn es geht schließlich um Leben und Tod. Auch wenn die Zwangsgedanken so stark sind, dass sich Betroffene immer weiter in gefährliche Gewichtsbereiche hinein hungern, ist ein hohes Maß an Selbstbestimmung kritisch zu sehen.

Warum Gelassenheit so Großes bewirken kann

An dieser Stelle möchte ich noch eine Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung als ehemalige Betroffene erzählen:

Während des letzten halben Jahres meiner Essstörungszeit hatte ich nochmal eine krasse Phase, in der ich kaum einen Bissen hinunter bekommen habe. Zwar befand ich mich im Normalgewichtsbereich, doch ich saß oft vor meinem Teller und stocherte in meinem Essen herum. Mit der Folge, dass ich innerhalb relativ kurzer Zeit doch nochmal einiges an Gewicht verlor.

Mein damaliger Freund, der heute mein Mann ist, hat intuitiv goldrichtig reagiert, denn er machte nie eine dumme Bemerkung über mein Essverhalten, noch versuchte er, mich zum Essen zu bewegen. Nur manchmal fragte er mit leiser Stimme: „Geht gerade wieder nicht mit dem Essen, oder?“

Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich von ihm verstanden und angenommen gefühlt habe.

Und das hatte Großes zur Folge.

Denn irgendwann hatte ich so viel Vertrauen zu ihm, dass ich mich ihm gegenüber öffnete und ihm als einziger Person erzählte, wie schwer es mir mit dem Essen fällt – obwohl ich es selbst gerne anders hätte. Und auch hier wieder Empathie, Gelassenheit, Respekt und Liebe von seiner Seite.

Mehr noch: Ich würde ihn heute als denjenigen bezeichnen, der mir durch sein besonnenes Handeln am Meisten auf meinem Weg geholfen hat. Und dafür bin ich ihm bis heute unendlich dankbar!!!

Sei lieb gegrüßt.

© Dorothea

P.S.: Du kannst meine Artikel gerne teilen. Wenn du den Text nutzen möchtest, dann kopiere ihn bitte komplett und verlinke darunter meine Homepage https://wege-aus-der-essstoerung.de als Quellenangabe. Danke für diese Win-win-Situation.

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Danke für eure liebevollen Rückmeldungen!

Ich wollte einfach mal kurz DANKE für deine tolle Seite sagen!! Deine Beiträge unterstützen mich sehr beim Weg aus meiner Essstörung. Aus meiner Sicht sind es viele Puzzleteile, welche sich zusammen setzen müssen, bis ich meinen Weg gefunden habe. Dein Blog ist auf jeden Fall ein Puzzleteilchen davon. 🙂 Mach weiter so und ich freue mich auf deine Beiträge!

Sandra

„Vor einigen Tagen habe ich „per Zufall“ (ob es den überhaupt gibt? 🙂 ) deine Internetseite entdeckt.

Ich habe selbst auch eine Essstörung (Magersucht) und deine Texte haben mir unglaublich geholfen und mich sehr viel weiter gebracht. Ich habe in den letzten Tagen sehr vieles über mich und meine Essstörung verstanden und gelernt.

Etwas sehr Entscheidendes ist auch passiert, nämlich sehe ich die Essstörung nun nicht mehr als „ein böses Monster“, sondern ich sehe und bin dankbar dafür, wie viel ich von ihr (über mich) lernen kann/ darf. Auch schäme ich mich nicht mehr dafür, eine Essstörung zu haben und bin viel gelassener und entspannter.

Ich habe mich in ganz vielen Themen von deinen Artikeln wieder gefunden und fühl(t)e mich dadurch sehr verstanden. Ich bin bereits seit ein paar Wochen in Therapie und gehe Schritt für Schritt meinen Weg. Du hast mich aber gleich einen ganz großen Schritt weiter gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin!“

Olga