Ich als ehemals Betroffene

Ich als ehemals BetroffeneMeine Geschichte beginnt im Winter 2002/03 mit heftigen Depressionen. Ich war so weit unten wie noch nie zuvor in meinem Leben. So probierte ich, was mir helfen könnte und stellte fest, dass es mir ein wenig besser ging, wenn ich weniger esse. Könnte das eine Strategie sein, um erneuten Winterdepressionen aus dem Weg zu gehen?

Ganz klammheimlich passierte es, dass ich weiter wuchs, gewichtstechnisch aber nicht zunahm. Während meiner Pubertät hatte ich kontinuierlich leichtes Untergewicht, ohne dass sich jemand große Sorgen machte.

Nach dem Abi fuhr ich für neun Monate nach Madrid als Au Pair, das Essen rückte zunehmend in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit und mein Gewicht, das ich bisher so fest im Griff gehabt hatte, schlug zum ersten Mal nach oben hin leichte Kapriolen.

2006 begann ich mein Studium der Sozialen Arbeit in Görlitz und ein Schlagwort, was mich während meiner gesamten Görlitzzeit begleitete, war: Einsamkeit. Nach zwei Semestern gefühltem Alleinsein hielt ich es nicht mehr aus und erinnerte mich in einem besonders verzweifeltem Moment daran, dass es mir zu Jugendzeiten besser ging, als ich weniger auf den Hüften hatte. Mit diesem Gedanken startete ich ein radikales Abnehmprogramm. Innerhalb von wenigen Wochen hatte ich mich vom leichten Übergewicht in eine handfeste Magersucht gehungert.

Polen und die Magersucht

Doch schon stand der zweite Auslandsaufenthalt an, denn ich ging im September 2007 zum Praktikumssemster nach Warschau, wo ich bis zum Februar 2008 blieb.

Diese Zeit war eine wunderbare und vor allem eine, die mich auf meinem Weg sehr voran brachte. Ich wohnte in einem Wohnheim, wo ich auf tolle Menschen traf, die gute Freunde wurden. In meiner Praktikumsstelle ging es mir sehr gut, ich war gefordert und die Arbeit mit den Frauen, die aus der Prostitution zurück nach Polen gekehrt waren, machte mir richtig viel Spaß. Auch die lebendige Metropole tat mir gut, ich war viel in Museen, tauchte in die polnische Kultur ein und machte zusammen mit meinen Freundinnen die Stadt unsicher.

Und in leisen Momenten, die ich mir während dieser Zeit regelmäßig gönnte, kam immer mehr die Erkenntnis: „Ich habe hier ein handfestes Problem, denn ich bin viel zu dünn.“

Die Wende brachte, gewichtstechnisch gesehen, das Taizé-Treffen in Genf. Während der drei Mal täglich stattfindenden Gebete mit einer Zeit der Stille hatte ich viel Zeit zum Meditieren und zum Nachdenken. So brachten diese Tage über den Jahreswechsel weitere wichtige Erkenntnisse und ich schaffte es parallel, so langsam wieder zuzunehmen.

Zurück in Warschau hielt dieser Aufwärtstrend an, ich erreichte ein gesundes Gewicht und genoss nebenbei noch zwei wundervolle Monate im Wohnheim, meiner Praktikumsstelle und meinem geliebten Land.

Görlitz und die Einsamkeit

Doch die Rückkehr nach Görlitz stand kurz bevor und damit auch der Schritt zurück in die Einsamkeit. Es wurden noch einmal anderthalb sehr herausfordernde und schlimme Jahre, in denen ich mich viel in mich selbst zurückzog, um über mein Leben nachzudenken. Und gleichzeitig war es auch eine sehr wichtige Zeit, in der ich immer mehr herausfand, was ich selbst will und was ich brauche, um glücklich zu sein.

In dieser Zeit kam ich auch mit dem Menschen zusammen, mit dem ich heute verheiratet bin. Die Art von Beziehung, die wir gemeinsam entwickelten, tat mir und uns beiden supergut: Wir hörten einander zu, ohne den anderen zu bewerten, erzählten aufrichtig, wie es uns selbst geht und achteten einander sehr. Auch, wenn ich es damals noch nicht wusste: Genau solche Beziehungen, in denen es um Empathie, Authentizität und Wertschätzung geht, bewirken Wunder.

Ein Jahr vor meinem Studiumsende zog meine WG-Mitbewohnerin zu ihrem Freund, sodass für mich die Frage stand, wie es nun weiter geht. Mich lockte meine Heimatstadt und nach einem ausgiebigen In-mich-hinein-hören entschied ich mich, zurück nach Dresden zu ziehen und das letzte Studienjahr zu pendeln.

Und das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, denn im Zuge des Umzugs ist die Essstörung irgendwie in Görlitz geblieben. Ich hatte in all den Jahren immer mehr gelernt, meinem Herzen zu folgen und das zu tun, was mir gut tut. Und dies war letztendlich zum Schlüssel meines Erfolgs geworden.

Das war im September 2009 und seitdem bin ich frei von Essstörungen.