Gesellschaftliche Einflüsse

Gesellschaftliche EinflüsseKennst du das, dass du dich so anders fühlst als die anderen? Weil du mit bestimmten Themen Probleme hast. Und denkst du, dass es deine Schuld ist?

Ich kann dir versichern: Du kannst nichts dafür, wenn du mit bestimmten Themen nicht klar kommst.

Viel mehr noch: Es ist ein kollektives Ding. In unserer Gesellschaft gibt es ganz, ganz viele Themen, die in Schieflage sind und die letztendlich uns alle betreffen.

Anhand verschiedener Themen, die für Frauen mit Essstörungen relevant sind, möchte ich dir aufzeigen, dass es sich um Probleme handelt, die eine ganze Gesellschaft betreffen.

Essverhalten

Welcher Mensch fühlt sich mit seinem Essverhalten rundum wohl und isst genussvoll? Viele, viele schlingen ihre Mahlzeiten hastig herunter, ihnen fehlt die Zeit, sich etwas Leckeres zu kochen, und der Genuss am Essen ist verloren gegangen. Hauptsache schnell und billig. Diäten sind nach wie vor groß im Trend und viele Menschen haben Regeln für sich aufgestellt, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Menschen mit einem entspannten und gesunden Essverhalten sind eher die Ausnahme.

Kindheit

Frauen, die unter einer Essstörung leiden, haben ja als Kind oftmals nicht das an Nähe und Zuwendung erhalten, was sie gebraucht hätten, um gut genährt aufzuwachsen. Doch dieses Phänomen betrifft ganze Generationen.

Ein Baby will vor einem eins: So oft wie möglich mit Mama kuscheln. Das Tragen im Tragetuch, das Stillen nach Bedarf und das Schlafen im elterlichen Bett sind wunderbare Möglichkeiten, um von Anfang an das Nähebedürfnis eine Babys gut zu stillen. Stattdessen war es bis vor noch nicht allzu langer Zeit noch die absolute Regel, dass Babys oft im Stubenwagen lagen, im Kinderwagen umher geschoben wurden, das Stillen nach der Uhrzeit und nicht nach ihrem Hunger- und Kuschelbedürfnis erfolgte und die Kleinen schon früh im eigenen Bett schlafen mussten. So fehlen ganzen Generationen tauschende Stunden an Kuschelzeit, die nötig gewesen wären, um zu gut genährten Erwachsenen heran zu wachsen.

Leistungsdenken & Perfektionismus

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es darum geht, immer das Beste zu geben und perfekte Ergebnisse zu erzielen.

Bereits die Kleinsten werden zum Instrumentenkarussell in die Musikschule, zum Tanzen, in den Sportverein, zum Fremdsprachenunterricht und zum Schwimmen geschickt. Dabei brauchen Kinder keinen übervollen Wochenplan, sondern eine Kindheit, in der sie Kind sein können.

Auch in der Schule geht es dann weiter, dass Kinder durch Noten zu immer besseren Ergebnissen getrieben werden. Und vermittelt bekommen, dass sie nur gut sind, wenn sie etwas leisten. Dabei wäre es für ein Kind so schön, gesagt zu bekommen, dass es in Ordnung ist, so wie es ist. Ohne, dass es Ergebnisse liefern muss.

Bedürfnisse & Grenzen

Werfen wir einen Blick in die Arbeitswelt. Werden Arbeitnehmer dort gefragt, was sie brauchen, damit es ihnen gut geht? In der Regel kaum. Stattdessen wird erwartet, dass sie immer 100% geben, um beste Ergebnisse zu erzielen.

Doch was ist mit den Bedürfnissen, die jeder Arbeitnehmer in sich trägt? Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Entspannung, Zeit für die eigene Familie, sich bei Krankheit in Ruhe auszukurieren, Hobbies nachzugehen und die schönen Momente des Lebens zu genießen.

Was ist mit den Grenzen, die ein jeder Mensch hat? Danach fragt kaum jemand.

Stattdessen wird in der Arbeitswelt Flexibilität, Mobilität, Belastbarkeit, ständige Einsatzbereitschaft und bei allem noch ein immer freundliches Auftreten erwartet. Das kann auf Dauer nicht funktionieren, denn es ist nicht gesund, ständig die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen und über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen.

Weiblichkeit & Sexualität

Überall sind sie zu sehen: Die Werbeplakate von Menschen mit perfekt retuschierten Körpern. So wird ganz subtil ein Schönheitsideal vermittelt, das unmöglich zu erreichen ist. Ist es da verwunderlich, dass so viele Menschen unzufrieden mit ihrem eigenen Körper sind? Es heißt ja ständig: Nur wer schlank ist, ist in Ordnung.

Auch die Sehnsucht nach einer gesunden Sexualität ist groß. Es wird zwar überall über Sex geredet, aber das ist nur Fassade. Unbeschreiblich viele Menschen sind von ihrer Sexualität und ihren Wünschen abgeschnitten, dass sie überhaupt nicht mehr wahrnehmen, was sie brauchen, um eine erfüllte Sexualität leben zu können. Auch an dieser Stelle fehlen also gesunde Vorbilder.

Gefühle

Wer ist in der Lage, wirklich Gefühle zu zeigen? Ganz ehrlich, es wäre doch ein äußerst ungewohnter Anblick, wenn ein Mensch auf der Straße anfangen würde zu weinen. Oder wenn jemand seiner Wut Ausdruck verleiht und mit lauter Stimme verkünden würde, dass er gerade mit diesem oder jenem nicht einverstanden ist.

Dabei ist es so wichtig, Gefühle zuzulassen, denn sie helfen, innerlich im Gleichgewicht zu bleiben. Viele Menschen wünschen sich Freude und Glück. Aber das lässt sich nur erreichen, wenn auch all die anderen, unangenehmen Gefühle da sein dürfen. Und dazu bräuchte es eine Kultur, in der es selbstverständlich wird, Gefühle zu zeigen.

Du siehst also, dass es eine ganze Reihe an gesellschaftlichen Einflüssen gibt, die dazu beigetragen haben und beitragen, dass du mit den Themen kämpfst, mit denen du kämpfst.

Doch was lässt sich tun, um dieses ungute Spiel nicht weiter mitzuspielen?

Letztendlich kannst du nur für dich anfangen, dich mit deinen Themen auseinander zu setzten und bei dir etwas verändern. Um eben nicht mehr dem Perfektionismus hinterher zu jagen, eigene Bedürfnisse und Grenzen zu ignorieren, Gefühle zu unterdrücken und einem Körperideal nachzujagen, das eh nicht zu erreichen ist. Denn sobald du anfängst, dich zu verändern, wird sich das auch auf dein Umfeld auswirken. Und das wird dann immer weiter Kreise ziehen.