essmo: Essen und Emotionen

Für Frauen, die sich mit einer Magersucht, einer Bulimie oder Binge Eating herum schlagen, gehen Essen und Emotionen eng miteinander einher. So eng, dass sie kaum voneinander zu unterscheiden sind. Auch im Namen von essmo sind beide Worte quasi eins. Ich nehme in diesem Artikel den Zusammenhang von Essen und Emotionen genauer unter die Lupe, um beides mehr voneinander zu trennen.

Essen und Emotionen: zwei Sonnenblumen

Erlerntes Verhalten

Bereits als Kinder haben die meisten Frauen mit einer Essstörung gelernt, dass unangenehme Gefühle wie Wut oder Traurigkeit mithilfe von Essen zu bewältigen sind. Als Babys haben sie zum Trost die Flasche bekommen und schon bald wurde diese von Schokolade, Lollis und Co. abgelöst. „Du brauchst nicht weinen. Ist gar nicht schlimm. Hier hast du einen Lutscher“, sind Sätze, die oft über die Lippen der Eltern und Großeltern kamen.

Doch ist das die Reaktion, die du dir als Kind gewünscht hättest? War es wirklich nicht schlimm, wenn du gestürzt bist, dein Lieblingskuscheltier verschwunden war oder die Mama fehlte? Oder wäre es nicht viel schöner gewesen, die Erwachsenen hätten dich in die Arme geschlossen und getröstet, sodass du all deinem Frust und deinem Schmerz hättest Ausdruck geben können?! Aber nein, zum Trost gab es etwas Süßes.

So hast du von Anfang an gelernt, Gefühle hinunter zu schlucken. Ängste, Wut und Trauer durften nicht da sein, sondern mussten unterdrückt werden, um nach außen hin eine immer fröhliche, ja, perfekte Fassade zu wahren. Das kommt dir sicher aus dem Heute bekannt vor…

Doch auch wenn du deine Gefühle immer hinunter schlucken musstest, so waren und sind sie da. Sie entstehen einfach und wollen gefühlt werden. Nur indem sie eine Weile da sein dürfen, verschwinden sie für immer und belasten nicht mehr. Werden sie dagegen geschluckt, so stauen sie sich an und werden größer und unangenehmer, bis der innere Druck nicht mehr auszuhalten ist. Und dann ist der nächste Ess-(Brech-)Anfall vorprogrammiert.

Essen und Emotionen: ein Stein im Wasser

Konstruktivere Wege im Umgang mit Emotionen

Ich möchte dich ermutigen, dir deine Gefühle genauer anzuschauen, um die erlernte Symbiose zwischen Essen und Emotionen besser zu verstehen.

Ein guter Anhaltspunkt sind Essanfälle. Ein Essanfall hat immer (!) einen Grund. Meistens gehen diesem Frust, Traurigkeit, Angst, Scham, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit oder Wut voraus. So könntest du nach deinem nächsten Essanfall überlegen, wie es dir kurz davor ging und welche Gefühle in dem Moment vor dem großen Fressen in dir waren. Auf diese Weise kannst du dir klar darüber werden, welche Emotionen einen Essanfall bei dir auslösen. Wenn du eher zu anorektischem Verhalten neigst, kannst du an Tagen, an denen es dir besonders die Kehle zuschnürt, in dich hinein spüren, um heraus zu finden, welche Gefühle du auf diese Weise auszuhungern versuchst.

Gefühle auszuhungern oder sie hinunter zu schlucken und eventuell im Anschluss wieder auszukotzen funktioniert wunderbar. Und genau aus diesem Grund ist momentan deine Essstörung da. Du brauchst sie derzeit, denn sie hilft dir, mit deinen unangenehmen Gefühle fertig zu werden. Erst wenn du neue Wege findest, um Gefühle wie Wut, Scham oder Trauer auszudrücken, wird die Essstörung überflüssig werden.

So möchte ich dir ein paar Anregungen geben, wie du auf andere Weise mit deinen Gefühlen umgehen könntest:

  • Tagebuch schreiben kann helfen, Gedanken zu sortieren, Erlebnisse Revue passieren zu lassen, Gefühle wahrzunehmen und sie da sein zu lassen.
  • Hilfreich kann es sein, mit deinem Partner oder einer guten Freundin darüber zu reden, was dich bewegt. Indem du deine Last mit einem lieben Menschen teilst, wird sie schon kleiner.
  • Ausdauersportarten wie Walken, Laufen, Radfahren, Inline skaten oder Schwimmen stellen eine gute Möglichkeit dar, um die Wut abzubauen. Solltest du untergewichtig sein, so bitte ich dich an dieser Stelle allerdings um äußerste Vorsicht, um deinen Körper nicht noch weiter zu schwächen.
  • Wenn dir jemand unrecht getan hat, ist es nicht immer einfach, ihm oder ihr das zu sagen. Du könntest dich aber vor den Spiegel stellen und deinem Spiegelbild all das erzählen, was du dieser Person gerne an den Kopf werfen würdest – frei heraus und ganz unzensiert.
  • Auch Weinen kann helfen. Mit den Tränen fließt Schweres, was belastet, davon.

Und noch etwas möchte ich dir zum Abschluss dieses Artikels mitgeben: Die erlernte Strategie, unangenehme Gefühle mithilfe von Essen oder Nichtessen zu bewältigen, sitzt tief, schließlich hast du sie von klein auf gelernt und genutzt. Es braucht seine Zeit, um solche Muster zu verändern. Alles Hungern und jeder Ess-(Brech-)Anfall, der noch kommen wird, hat seinen Sinn. Denn deine Essstörung möchte dich ermutigen, nochmal genauer hinzuschauen, was dich gerade so unangenehm aufgewühlt hat. Sie ist quasi ein Hinweisschild zu einem effektiveren Umgang mit deinen Gefühlen. Du musst es nur lesen. 🙂

So grüße ich dich lieb, wünsche dir gute Erkenntnisse beim Beobachten deines Essverhaltens und der dahinter liegenden Emotionen, Mut beim Ausprobieren der neuen Wege und viel Geduld mit dir selbst,

© Dorothea

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