Essen als Metapher

Wenn eine Frau in eine Essstörung rutscht, passiert das meist sehr unbemerkt und leise. Eine kleine Diät, die sich irgendwann als handfeste Essstörung entpuppt. Sobald klar ist, dass es da wirklich ein Problem gibt, versuchen die allermeisten Frauen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Die Strategie sieht in der Regel sehr ähnlich aus: Sie versuchen anhand von Essensplänen und festen Ernährungsvorgaben die Kontrolle über ihr Essverhalten zurück zu erlangen. Es dauert nicht lange und sie stellen fest, dass die Strategie nicht so richtig funktioniert. So strengen sie sich noch mehr an und versuchen, sich noch disziplinierter an die Vorgaben zu halten. Doch auch das funktioniert nicht und zurück bleiben Frustration und Enttäuschung.

Vielleicht gehörst auch du zu den Frauen, die wirklich alles geben, aber ihr Essverhalten nicht in den Griff bekommen. Ich möchte dir erklären, warum es nicht an dir und an mangelnder Disziplin liegt, dass diese Strategie nicht funktioniert.

Also:

Das Essen hat zum einen eine körperliche Funktion. Es dient dazu, um Hunger zu stillen und den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen.

Doch das Essen besitzt auch eine übertragene Bedeutung. Es ist wie eine Metapher für das, was auf anderer, auf seelischer Ebene fehlt. Und solange auf dieser Ebene ein Mangel besteht, wird dieser über die körperliche Ebene, also in dem Fall über das Essverhalten, zum Ausdruck kommen.

Essen als Liebesersatz

Frauen, die unter einer Essstörung leiden, haben als Kind nicht vermittelt bekommen, dass sie wertvoll und liebenswert sind. So haben sie diesen Glaubenssatz fest verinnerlicht und behandeln sich auch als Erwachsene so, als ob sie nicht liebenswert wären. Sie kümmern sich viel um andere und sind für diese da, vergessen dabei aber sich selbst. Doch niemand kann nur geben und geben. Es braucht genauso einen Ausgleich, also die Momente des Nehmens. Stunden also, in denen sie erfahren, dass sie liebenswert und wertvoll sind. Solange sie diese Zeiten des Nehmens in ihrem Alltag nicht erleben, brauchen sie das Essen, um sich auf diese Weise zumindest ein wenig Zuwendung zu geben.

Essen als Strategie zum Umgang mit Gefühlen

Gefühle gehören zum Leben dazu. Sie entstehen und warten darauf, gefühlt zu werden. Denn dadurch verschwinden sie für immer. Da Frauen mit Essstörungen aber keinen gesunden Umgang mit ihren Gefühlen erlernen durften, brauchen sie andere Strategien, um mit ihnen umzugehen. Das Nicht-Essen hilft, unangenehme Gefühle nicht wahrzunehmen. Bei Fressanfällen werden sie herunter geschluckt. Und wenn der Mageninhalt anschließend über der Kloschlüssel ausgeleert wird, werden mit ihm auch all die unangenehmen Gefühle ausgekotzt.

Essen als Möglichkeit der Abgrenzung

Auch beim Wahrnehmen und Setzen von gesunden Grenzen wurden betroffene Frauen in der Regel nicht unterstützt. Doch es braucht Grenzen, denn sie dienen als Schutz. Auch an dieser Stelle hilft das Essen weiter. Bei einer Bulimie und dem damit verbundenen unauffälligen Essverhalten halten die Frauen eine perfekte Fassade aufrecht und werden somit nicht angreifbar. Durch das übermäßige Essen legen sich Betroffene eine dicke Haut zu, die sie vor der Außenwelt schützt. Und Frauen mit Magersucht zeigen durch ihre spitzen Knochen auf ganz eigene Weise Kante und grenzen sich dadurch ab.

Essen als Strategie zum Druckabbau

Frauen mit einer Essstörung mussten meist schon als Kind jede Menge einstecken. Alle belastenden Erfahrungen, die nicht verarbeitet wurden, haben sich im Inneren angesammelt und wurden dort gespeichert. So tragen diese Frauen unheimlich viel Druck in sich, denn die unangenehmen Erfahrungen drängen ja darauf, endlich raus zu dürfen. Auch an dieser Stelle hilft die Essstörung, denn Essen betäubt, Essen lenkt ab und Essen tröstet. So müssen Betroffene nicht allzu viel von dem wahrnehmen, was da an unangenehmen Erfahrungen in ihnen drückt und raus will.

Essen als Hilfe gegen Einsamkeit

Wer unter einer Essstörung leidet, fühlt sich häufig sehr einsam. Das Thema ist ja hochschambesetzt, sodass sich Betroffene oftmals nicht trauen, sich selbst nahestehenden Menschen anzuvertrauen. Das macht natürlich einsam. Allein schon eine Essstörung entfremdet ja die Frauen von ihren Mitmenschen. Kommt noch hinzu, dass sich Betroffene niemanden anvertrauen können, macht das noch einsamer. Und dann braucht es wieder das Essen, um die innere Leere zumindest mit Essen zu füllen.

Essen als Lebenssinn

Betroffene Frauen sind oftmals so engagiert dabei, anderen Menschen zu helfen, dass sie ihr Leben ganz an den Bedürfnissen anderer ausrichten. Dadurch, dass sie sich sehr an ihren Mitmenschen orientieren, nehmen sie aber nicht wahr, was sie selbst in ihrem Leben wollen. Auf diese Weise können sie nicht herausfinden, was ihr persönlicher Lebenssinn ist. Und an dieser Stelle kommt ihnen die Essstörung zu Hilfe, denn auch das Ziel, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen, kann zum Lebenssinn werden.